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Freitag, 8. August 2014

MERKUR – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Durch ein freundliches Patenschaftsabonnement von Frauke und Michael Gärtner (Ergotherapeutische Praxis, Hohenwestedt, Deutschland) der Zeitschrift MERKUR können wir diese nun unseren Bibliotheksbesuchern anbieten.

Ekklektisch ausgewählt hier einige Artikel, die besonders lesenswert erscheinen:

776/Jänner 2014:
  • Georg Stanitzek: Zur Lage der Fußnote
  • Jürgen Kaube: Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur
  • Jürgen Kaube: Der Essay als Freizeitform von Wissenschaft
  • Matteo Galli: The Artist is Present. Das Zeitalter der Poetikvorlesungen
777/Februar 2014:
  • Rüdiger Campe: Das Argument der Form in Schlegels "Gespräch über die Poesie". Eine Wende im Wissen der Literatur
  • Heinrich Niehues-Pröbsting: Die Höhle und ihre Schatten. Blumbenbergs Platon-Kritik 
  • Philip Manow: Politikkolumne. Rentabilität im Süden
  • Christian Voller: Die Kunst des Defensivspiels. Der Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes
  • Helmut König: Die Eschenburg-Debatte
  • Hans Altenhein: Nachkriegslektüre
778/März 2014:
  • Rasmus Althaus: helpen worde nicht, so helpen slege
  • Steven Weinberg: Was wir wissen – und was nicht
  • Heinrich Bosse: Brot- und Schulwissenschaften
  • Joachim Nettelbeck: Sprache und Wissenschaftsverwaltung
  • Thomas Speckmann: Vom Unbekannten des Krieges
779/April 2014:
  •  Rudolf Stichweh: Soziologiekolumne. Wissensordnungen und Wissensproduktion im 21. Jahrhundert
  • Holger Schulze: Körper und Klang. Neuer Materialismus in der Kulturgeschichte
  • Heinrich Niehues-Pröbsting: Heideggers Widmungen
780/Mai 2014:
  • Thomas Steinfeld: General Stumm betritt die Bibliothek. Über Wissenschaft, Theorie und Methode in der Philologie
  • Rudolf Burger: Fallhöhe. Nachbemerkung zur Moralistik des Absurden
781/Juni 2014:
  • Carlos Spoerhase: Postume Papier. Nachlass und Vorlass in der Moderne
  • Daniel Scholten: Sprachkolumne. Gendersprech
  •  Annette Vowinckel: "Ich fürchte mich vor den Organisationslustigen". Ein Dialog zwischen Hans Blumenberg und Reinhart Koselleck
  • Hans Altenhein: Literarischer Transfer
782/Juli 2014:
  • Eric Bennett: Wie Iowa die Literatur plattgemacht hat
  • András Bruck: Drei Fragen: Ungarn nach der Wahl
  • Marcel Lepper: Philologendämmerung?
  • Hannes Bajohr: Schreibenlassen. Gegenwartsliteratur und die Furcht vorm Digitalen
783/August 2014: 
  • Kai Marchal: Vereinnahmung des Anderen. Der Sinologe und Philosoph Francois Jullien  


Übernehmen auch Sie eine Patenschft für ein Abonnement; Informationen hier.

GLEICHGEWICHT – Bibliothek & Galerie
2265 Drösing, Hauptstr. 13
Tel. +43 650 8811 850

Freitag, 31. August 2012

Wie "tickt" China?



Mit Wang Hui (Intellektueller, Vordenker der Neuen Linken in China), Tienchi Martin-Liao (Autorin und Übersetzerin) und Prof. Dr. Heiner Roetz (Spezialist für Konfuzius, Sinologe)

Erstausstrahlung,30.8.2012, 3SAT

China hat sich in einer rasanten Entwicklung innerhalb von nur 30 Jahren von einer Agrargesellschaft zu einer modernen Industrienation entwickelt. An Chinas politischer und wirtschaftlicher Macht kommt im Westen niemand mehr vorbei. Mit einer Bevölkerung von rund 1,4 Milliarden Chinesen - ein Fünftel der Weltbevölkerung - erobert das Riesenland die Märkte und bestimmt deren Regeln entscheidend mit. Der Hunger der Volkswirtschaft nach Ressourcen scheint grenzenlos. Ebenso der Wille, die neu gewonnene Vormachtstellung zu sichern: So hat China zum Beispiel den weltweit drittgrößten Verteidigungsetat. Die bisherige, an den westlichen Ländern orientierte Weltordnung hat sich bereits verschoben. Vielen flößt das Angst ein. Scheinen doch die Chinesen in für Europäer fundamentalen Fragen wie der der Menschenrechte, grundsätzlich anders zu denken und zu entscheiden. Ist das tatsächlich so? Was verändert sich, wenn die chinesische Mentalität größeren globalen Einfluss gewinnt? Wie wird es die bisher noch stark westlich geprägten Wertvorstellungen von Recht, Vernunft, Individualität beeinflussen?
Gert Scobel diskutiert in "scobel - wie tickt' China?" mit Experten über die grundlegenden Wertvorstellungen der neuen Supermacht und darüber, wie sich eine Brücke zwischen "Kant und Konfuzius" schlagen ließe. Es kommen unter anderen Wang Hui, einer der bedeutendsten Intellektuellen und Vordenker der neuen Linken in China, die chinesische Autorin und Übersetzerin Tienchi Martin-Liao und Prof. Dr. Heiner Roetz, Spezialist fürKonfuzianismus.


Wie "tickt" China?
Erkenntnisse über eine neue Supermacht
Gert Scobel diskutiert mit Fachleuten über die grundlegenden Wertvorstellungen der neuen Supermacht China und darüber, wie sich eine Brücke zwischen Kant und Konfuzius schlagen lässt. Wie denkt, fühlt und "tickt" China? Zur dieser Frage wird sich unter anderen Wang Hui, einer der bedeutendsten Intellektuellen und Vordenker der Neuen Linken in China äußern.

5.000 Jahre Geschichte und Kultur: China ist wieder aufgestanden, sagen die Chinesen. Das Land ist heute wieder eine Weltmacht. Jeden Morgen, wenn die Nationalfahne zum Sonnenaufgang gehisst wird, strömen Tausende auf den Tian’anmen Platz. Der Tian’anmen Platz ist das politische Zentrum Pekings, das Zentrum der Macht des neuen Supergewichts auf der politischen Weltbühne.
weiter ...


Konfuzius lebte um 500 vor Christus in einer Zeit, in der auch in Indien und im antiken Europa Denktraditionen entstanden, die ganz Asien und Europa bis heute prägen. Der Philosoph Karl Jaspers hat für diese Ära deshalb den Begriff "Achsenzeit" geprägt. Der Konfuzianismus war 2000 Jahre Staatslehre in China.
weiter ...
 

Alle fünf Jahre trifft sich Chinas kommunistische Elite zum Konklave vor pompöser Kulisse in Peking. Alle zehn Jahre wird eine neue Führungsgeneration präsentiert. Während man in der großen Halle des Volkes den Eindruck bekommt, dass viele Delegierte das Gesagte nicht zum ersten Mal hören, sichert ein riesiges Aufgebot von Sicherheitskräften und Freiwilligen die kommunistische Elite vor dem Volk.
weiter ...


Mit Empörung hat Peking auf den jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums reagiert, demzufolge sich die Lage in China verschlechtert hat. Der Bericht sei voller Vorurteile und entspreche nicht den Tatsachen, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums dazu.



Unsere Gäste am 30. August 2012
Heiner Roetz, Sinologe und Konfuzius-Spezialist
Professor Heiner Roetz ist Spezialist für Konfuzius und zudem einer der Sinologen, die für eine kritische, von China unabhängig betriebene wissenschaftliche Arbeit stehen. Seine Forschungsschwerpunkte sind chinesische Ethik, klassischer Konfuzianismus, Tradition und Moderne in China und chinesische Religionsgeschichte. Er ist Leiter der Sektion Geschichte und Philosophie Chinas am Fachbereich Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität in Bochum.

Tienchi Martin-Liao, Autorin und Übersetzerin
Tienchi Martin-Liao ist chinesische Autorin und Übersetzerin. Von 1991 bis 2001 leitete sie das Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum an der Bochumer Ruhr-Uni, danach ging sie nach Washington DC, um für die Laogai Research Foundation tätig zu werden, eine Organisation, die zu Menschenrechtsfragen in China informiert. Seit 2009 leitet sie als Vorsitzende das unabhängige chinesische PEN-Zentrum in Taipeh. Tienchi Martin-Liao lebt in Köln.

Eine Erfolgsgeschichte
Chinesen blicken stolz und kritisch in die Zukunft
5.000 Jahre Geschichte und Kultur: China ist wieder aufgestanden, sagen die Chinesen. Das Land ist heute wieder eine Weltmacht. Jeden Morgen, wenn die Nationalfahne zum Sonnenaufgang gehisst wird, strömen Tausende auf den Tian’anmen Platz. Der Tian’anmen Platz ist das politische Zentrum Pekings, das Zentrum der Macht des neuen Supergewichts auf der politischen Weltbühne.
Die Chinesen sind stolz auf ihre Heimat, aber sie sehen auch Probleme und Defizite wie die zunehmende Überalterung, die Zerstörung und Verschmutzung der Umwelt oder auch die schlechten Lebensbedingungen auf dem Land. Für den Westen ist das moderne China häufig ein Rätsel. Für Professor Wang Hui ist es Gegenstand seiner Forschung. Ausgehend von der Geschichte des Landes und im internationalen Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Systemen sagt er: "China ist das Land, das die Armut in kürzester Zeit auf der größten Fläche am stärksten reduziert hat. Das ist ein großer Erfolg."

Wang Hui analysiert aber auch die Schattenseiten der einmaligen Erfolgsgeschichte. 30 Jahre wirtschaftsliberale Reformpolitik haben China auch große Probleme beschert. "Das größte Defizit ist die Diskrepanz zwischen Armen und Reichen, die Ungleichheit in der Gesellschaft, die zunehmende Trennung von Stadt und Land und der Rückbau der Infrastruktur in den ländlichen Gebieten", so Wang Hui.

Immer die Geschichte im Blick
Bei seinen Doktoranden schärft er den Blick für die historischen Dimensionen. Die Opiumkriege, die bürgerliche Revolution, die Gründung der Volksrepublik – ohne die Analyse der Geschichte lasse sich das moderne China nicht begreifen. Tsinghua ist die Eliteuniversität Chinas. Wer hier studiert, analysiert die Gegenwart kritisch und wird die Zukunft des Landes mitgestalten.

Die Elite von morgen führt wissenschaftliche Debatten und kontroverse Diskussionen um die Zukunft des Landes. Wang Hui sieht China am Scheideweg: "Wenn die gesellschaftlichen Widersprüche nicht zu lösen sind, wenn das Volk oder große Teile der Gesellschaft denken, dass die Reformpolitik nicht für das ganze Volk gemacht wird, sondern nur für eine Minderheit, dann führt das zu einer gesellschaftlichen Krise, zu einem Legitimationsproblem der Regierenden."

Reformen sollen kommen
Herrschaft muss sich legitimieren, auch in China. Die herrschende Partei hat über 80 Millionen Mitglieder. Im Herbst 2012 wird auf dem Parteitag eine neue Führung gewählt. Wang Hui sagt: "Es herrscht Einigkeit über die Notwendigkeit von Reformen. Als Hauptpunkte sollen bei den kommenden Reformen das Wohl und die Rechte jedes einzelnen Bürgers garantiert und gestärkt werden. Und das Recht des Bürgers bedeutet nicht nur das wirtschaftsliberale Recht auf Reichtum, sondern es geht um die Möglichkeiten des politischen Engagements, um Mitsprache und Mitgestaltung."

Außerdem stehen soziale Gerechtigkeit, die Förderung der ländlichen Gebiete, Umweltschutz und die Bekämpfung der Korruption auf der Agenda. Noch traut die übergroße Mehrheit der Chinesen der Regierung die Lösung der Probleme zu.

Praxisnahe Lebensethik
Konfuzianismus als gesellschaftliche Gebrauchsanweisung
Konfuzius lebte um 500 vor Christus in einer Zeit, in der auch in Indien und im antiken Europa Denktraditionen entstanden, die ganz Asien und Europa bis heute prägen. Der Philosoph Karl Jaspers hat für diese Ära deshalb den Begriff "Achsenzeit" geprägt. Der Konfuzianismus war 2000 Jahre Staatslehre in China.
Konfuzius kam 551 vor Christus in Qufu zur Welt. Der Philosoph Laotse war vermutlich sein Zeitgenosse. Konfuzius lebte in einer Zeit gewaltsamer Umbrüche. Das Reich der Mitte war noch nicht vereinigt. Der Philosoph und seine Schüler zogen lange Jahre als Wanderlehrer umher. Sie waren durch Hunger und Krieg bedroht. Konfuzius beriet Fürsten, veröffentlichte aber seine Lehren nicht. Seine Schüler fassten die Weisheiten nach seinem Tod im sogenannten "Lun Yu" zusammen. Sie schätzten ihren Meister als einzigartigen Pädagogen und Vordenker der Bildungstheorie und folgten ihm wie Jünger.

Menschenliebe als höchste Tugend
Doch beim Konfuzianismus handelt es sich nicht um eine Religion, sondern vielmehr eine praxisnahe Lebensethik. Deshalb wird er auch "Gebrauchsanweisung für die Gesellschaft" genannt. Die Herkunft seiner Schüler zählte für Konfuzius nicht. Den Wert eines Menschen machten für ihn nur Bildung und deren Umsetzung aus. Reflektiertes Lernen dient der Selbstvervollkommnung, die einen "Edlen" auszeichnet. Er übt sich in den fünf Tugenden Rechtschaffenheit, Gewissenhaftigkeit, Gegenseitigkeit, Aufrichtigkeit und der höchsten Tugend, der Menschenliebe.

Gesellschaftliche Ordnung und Harmonie können, so Konfuzius, nur auf der Basis der sogenannten "kindlichen Pietät" entstehen. Das Kind ist gehorsam gegenüber Eltern und Großeltern, die Frau gehorcht dem Mann - und das Volk dem Herrscher. Verhält sich jeder gemäß seiner Rolle, herrscht in der Familie Ordnung. Diese Harmonie geht dann auf das Dorf, die Provinzen, das Reich und schließlich auf den gesamten Kosmos über.

Traditionelle Werte voll im Trend
In der Schule lernen die Kinder die traditionellen Werte und Tugenden des Konfuzius, ihre Eltern zu ehren und dankbar zu sein. Auch im rasant wachsenden China ist dieses Bildungsangebot sehr gefragt. Nur mit den Tugenden lässt sich das Ideal der Harmonie erreichen. Die Renaissance des Konfuzianismus begann bereits vor über 30 Jahren. Das Ziel der Kommunisten ist die harmonische Gesellschaft, die seit fünf Jahren im Parteistatut festgeschrieben ist.

Durch die Tradition des Konfuzianismus ist das Ideal der gesellschaftlichen Harmonie viel stärker verankert als individuelle Rechte. Harmonie meint allerdings kein religiöses Heilsversprechen, sondern ein weltliches Ideal. Auch wenn die Harmonie im Zentrum seiner Lehre stand, Konfuzius’ wohl wichtigste Botschaft an die heutige Welt würde wohl lauten: Harmonie ist nicht alles und Kritik ist erwünscht - selbst gegenüber Herrschenden.

Politik von der Stange
Für Chinas Einheitspartei bleibt alles beim Alten
Alle fünf Jahre trifft sich Chinas kommunistische Elite zum Konklave vor pompöser Kulisse in Peking. Alle zehn Jahre wird eine neue Führungsgeneration präsentiert. Während man in der großen Halle des Volkes den Eindruck bekommt, dass viele Delegierte das Gesagte nicht zum ersten Mal hören, sichert ein riesiges Aufgebot von Sicherheitskräften und Freiwilligen die kommunistische Elite vor dem Volk.
Auf dem kommenden Parteitag in diesem Herbst, soll nun eine neue Führungsspitze vorgestellt und abgenickt werden. Dabei läuft alles auf die Kandidaten Xi Xingping und Li Keijiang hinaus. Der erste soll Partei- und Staatschef werden, der zweite sein Regierungschef. Doch wofür sie eigentlich stehen, weiß auch in China niemand so recht. Yang Jisheng ist stellvertretender Chefredakteur der kleinen kritischen Zeitschrift "Yanhuang Chunqiu", die nicht öffentlich verkauft, sondern nur direkt an Abonnenten verschickt wird. Er sagt: "Die chinesische Politik funktioniert anders, als die im Westen. Wenn man im Westen wählt, müssen zuerst die politischen Meinungen und alle programmatischen Informationen veröffentlicht werden".

Auch neue Kandidaten ändern nichts
"In China wird das alles hinter der Roten Maurer von einigen Wenigen ausgekungelt. Die Bürger erfahren nichts. Deswegen kann niemand wirklich sagen, um was für Menschen es sich bei den beiden Kandidaten handelt, was sie denken und wollen“, so Yang weiter. Immerhin hat sein Blatt eine Auflage von 160.000 Stück. Zuvor, bis zu seiner Pensionierung, arbeitete er bei der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, die direkt dem Propagandaministerium unterstellt ist. Auch wenn man nicht viel über die nächste Führungsgeneration wüsste, dass sie viel ändern könnte, sei praktisch ausgeschlossen, meint Yang.

"Hu Jintao, der noch Parteivorsitzende und Präsident, hat in einer Rede schon den Ton bestimmt. Er hat gesagt, bei den politischen Reformen hätten wir keinen Nachholbedarf. Wir hätten gute politische Erfahrungen gemacht, die unser politisches System bestätigen würden. Es sei nicht nötig, die politischen Reformen zu beschleunigen und wenn man etwas Gutes geschaffen habe, bräuchte man es auch nicht zu reformieren", so Yang Jisheng. Dabei steht Chinas nächste Führungsgeneration vor gewaltigen Herausforderungen. Zwischen 100.000 und 200.000 Zwischenfälle mit Massenhintergrund gibt es mittlerweile. Das ist die euphemistische Umschreibung von teils gewaltsamen Protesten gegen Korruption und illegale Landnahmen.

Kein Vertrauen in die Politik
China ist ein Rechtsstaat, der nicht durch das Recht, sondern durch die Partei bestimmt wird. Dort können Kritiker - selbst mächtige lokale Parteichefs wie jüngst Bo Xilai aus Chongqing - plötzlich und ohne Anklage verschwinden. In China wird die Schere zwischen arm und reich immer größer, der Immobilienmarkt hat sich zu einer riesigen Blase entwickelt und die Wirtschaft wächst langsamer als die Nachfrage nach Arbeitsplätzen. Dem Schulterklopfen der Partei glaube hier kaum noch jemand, meint Herr Yang: "China ist in einer Vertrauens-, Glaubens- und Zuversichtskrise. Das Vertrauen in die Regierung ist schon lange in der Krise. Was die Regierung sagt, glauben viele Bürger nicht mehr. Wenn die Politik nicht transparenter wird, wird die Politik das Vertrauen nicht zurückgewinnen können."

Dass die zukünftigen mächtigen Männer Chinas aber die Transparenz der politischen Prozesse erhöhen werden, ist eher unwahrscheinlich. Ihre Aufgabe in der Einparteien-Diktatur sei eine andere, meint Herr Yang: "Die Aufgabe der neuen Generation ist es, dafür zu sorgen, dass die Partei ihre Macht nicht verliert. Das ist ihre heilige Pflicht". Und so wird der 18. Parteitag im Herbst wohl so spannend werden wie die vergangenen.

China und die Menschenrechte
Ärger in Peking über jährlichen US-Bericht
Mit Empörung hat Peking auf den jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums reagiert, demzufolge sich die Lage in China verschlechtert hat. Der Bericht sei voller Vorurteile und entspreche nicht den Tatsachen, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums dazu.
China habe in den vergangenen 30 Jahren "bedeutende Fortschritte" bei den Menschenrechten erzielt. Der Sprecher warf den Vereinigten Staaten vor, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen: "So ein Thema sollte nie dazu benutzt werden, andere anzugreifen oder sich in interne Angelegenheiten anderer Länder einzumischen."

In dem im Mai 2012 veröffentlichten Bericht hatten die USA eine Verschlechterung der Menschenrechtslage in China angeprangert. Peking habe seine Bemühungen verstärkt, politische Aktivisten zum Schweigen zu bringen, hieß es unter anderem darin. Der Bericht erschien wenige Tage nach der Ausreise des blinden chinesischen Bürgerrechtlers Chen Guangcheng in die USA, dem Ende April eine dramatische Flucht aus seinem mehrjährigen Hausarrest gelungen war.

Man verbittet sich Druck und Belehrungen
Außerdem will China mit der Europäischen Union weniger intensiv über Menschenrechte sprechen als bisher. Die asiatische Großmacht plädiert dafür, statt zwei Dialogtreffen jährlich nur noch eines abzuhalten, wie der unabhängige Brüsseler Informationsdienst "EUObserver" im Juni diesen Jahres berichtete. "China ist entschlossen, die Menschenrechte zu verbessern. Aber wir denken nicht, dass jemand als Lehrer auftreten sollte. Wir geben keinem Druck nach", sagte Wang Xining, der Presseattaché der chinesischen EU-Botschaft. Das bisher letzte Treffen fand Ende Mai diesen Jahres statt. Eine Gesprächsrunde im Jahr reiche aus, wird Wang zitiert. Schon 2010 und 2011 hatte China jeweils ein zweites Treffen abgesagt.

Eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton unterstrich dagegen, die EU wolle an den halbjährlichen Treffen festhalten. Auch werde sie weiter Einzelfälle thematisieren: "Wir behalten uns dieses Recht vor. Wir haben dies immer getan, und daran wird sich nichts ändern."

Konfuzianismus verstehen
Buchempfehlungen von Gert Scobel
Auf dem Feld der Diskussion, das sich zwischen den großen Themen der Religion und ihrer Jahrtausende alten Geschichte, den neuen religiösen Bewegungen, aber auch den Fragen und Antworten der Philosophie und Ethik aufspannt, gibt es seit einigen Jahren eine Reihe, die nicht nur Pionierarbeit leistet, sondern zum besten gehört, was je auf diesem Gebiet zumindest in Deutschland publiziert wurde. Ich meine den Verlag der Weltreligionen , eine Zusammenarbeit des Suhrkamp Verlages, der Udo Keller Stiftung Forum Humanum und einer Reihe internationaler Spitzenwissenschaftler.

Das ehrgeizige Ziel des Verlages der Weltreligionen ist es, "die Tradition der religionsgeschichtlichen Publikationen in den Verlagen Suhrkamp und Insel, im Jüdischen Verlag und im Deutschen Klassiker Verlag fortzusetzen", um der Öffentlichkeit die großen religiösen Texte und Schriften des "Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus, des Judentums, Christentums und des Islam" zugänglich zu machen.

Tatsächlich macht der Verlag der Weltreligionen ernst mit der Absicht, viele religionsgeschichtliche Quellenwerke und Darstellungen der Religionen in hervorragender deutscher Übersetzung (oftmals zum ersten mal) zugänglich zu machen. In der Tat sind viele selbst er wichtigen Texte nur schwer oder gar nicht auf Deutsch erhältlich. Und wenn, so fehlen oft die solide philologische, wirkungsgeschichtliche und inhaltliche Einordnung - gerade bei Texten, die Nicht-Fachleuten nicht geläufig sind. Insofern kann man das Projekt und die bislang publizierte, erstaunlich vielseitige Produktion des Verlags der Weltreligionen nicht oft und lautstark genug loben.

Auch in Bezug auf China gibt es einige Perlen, auf die ich in kurzen Besprechungen aufmerksam machen will, wobei ich mich aus verschiedenen Gründen nicht mit den (Chan- oder Zen-) buddhistischen Texten des alten China befasse - etwa mit dem von Christian Wittern herausgegeben Band "Mazu Daoyi und Dazhu Huihai - Grundlegende Reden und Aufzeichnungen der Hongzhou-Schule des Chan-Buddhismus". Da es in meiner Sendung um China geht, will ich Ihnen kurz vier Bände vorstellen, die sich mit dem Konfuzianismus befassen:

Scobels Kolumne:
Die Widersprüchlichkeiten Chinas
Vom Streben nach Harmonie und der Akzeptanz von Folter und Gewalt

Harmonie bedeutet, dass jede Gesellschaft ihren eigenen Werten folgt und man sich - wie der Sinologe Heiner Roetz zugespitzt schrieb - "nicht wechselseitig in normativen Fragen belästigt, sondern in einem friedlichen Nebeneinander um Kooperation bemüht". Nach dieser Definition ist auch die Diskussion mit China über Fragen der Menschenrechte eine Einmischung.
Leider wird in dieser Harmonie-Debatte, die seit vielen Jahren die innere und äußere Politik Chinas bestimmt, der Gelehrte Konfuzius zitiert, der in seinen Gesprächen (Lunyu) in Kapitel XIII, Vers. 23 bemerkte, dass der (konfuzianische) Edle und Weise den Einklang, aber nicht den Gleichklang suche. Der Edle ist friedfertig, macht sich aber nicht gemein, während der Unedle sich gemein macht und dabei nicht einmal friedfertig ist.

Das chinesische Einparteiensystem, der Staat, nimmt allerdings für sich immer wieder eine andere Haltung in Anspruch. Denn der Staat setzt keineswegs auf Pluralität und Relativismus in Sachen Normen, sondern darauf, sich in alle Einzelheiten einmischen und auf Abweichungen notfalls mit Gewalt, Folter und Hinrichtung zu reagieren. Aber nicht nur notfalls. Hat das Einparteiensystem, das im Oktober einen erneuten Machtwechsel erleben wird, angesichts des 18. Parteikongresses, tatsächlich "Not"? Manches deutet darauf hin, dass es innerhalb der (nach außen gut geschützten) Partei heftige Machtkämpfe, Verwerfungen und Risse gibt.

Jedes Jahrhundert hat seinen eigenen Konfuzius
Doch wo auch immer man Fragen wie diese diskutiert, taucht wie aus dem Nichts ein Name auf: Konfuzius. Der Konfuzianismus, der sich seit fast 2500 Jahren hält (obwohl, wie manche Kenner bemerken, jedes Jahrhundert seinen eigenen Konfuzius hat), scheint eine gute Folie zu sein, um die Veränderungen Chinas über die Jahrhunderte hinweg besser zu verstehen. Gerade auch das moderne China beruft sich immer wieder auf den ersten Bildungstheoretiker und frei tätigen Lehrer Chinas. Zu seiner Zeit war Konfuzius weitaus weniger anerkannt als der steigende Ruhm nach seinem Tod ahnen lässt.

Die Frage ist also, was der historische Meister Kong lehrte und dachte. Bilden diese Gedanken, die vor allem in den sogenannten Gesprächen (Lunyu) festgehalten sind, Anhaltspunkte, um die Widersprüche auch des modernen China zu verstehen? Und wie verhalten sich Konfuzius’ Ansichten - etwa seine goldene Regel - zu den westlichen Versuchen der Begründung von Ethik und Moral? Diese und ähnliche damit verbundene Fragen stehen im Zentrum der Sendung, die das Ziel hat, über China zu informieren und die Widersprüchlichkeit dieses großen, mächtigen Landes besser zu verstehen.


Donnerstag, 8. März 2012

Frauentag 2012

Trotz vieler Bemühungen und chicer Dauerpropaganda besteht auch in den westichen, fortgeschrittenen, demokratischen Staaten nach wie vor eine eklatante Ungliechheit der Frauen geggenüber Männern, vor allem was Berufsmöglichkeiten und Gehalt betrifft. Was nützen "gleiche Rechte", wenn in der Praxis völlig ungleich gehandelt, "behandelt" wird? Lug & Trug!

Die Frauentage dienen vielen als Substitut. Aber wann folgen den schönen oder zornigen Worten Taten? Solange die Mehrheit der Frauen sich mit Worten abspeisen lässt, wird sich nichts Wesentliches ändern, auch bei uns nicht.

Ein älterer Text aus dem Jahre 1898 sei in Erinnerung gerufen:


Clara Zetkin

Für die Befreiung der Frau!

Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongreß zu Paris (19. Juli 1889)

Protokoll des Internationalen Arbeiter-Congresses zu Paris. Abgehalten vom 14. bis 20. Juli 1889.
Bürgerin Zetkin, Abgeordnete der Arbeiterinnen von Berlin, ergreift unter lebhaftem Beifall das Wort über die Frage der Frauenarbeit. Sie erklärt, sie wolle keinen Bericht erstatten über die Lage der Arbeiterinnen, da diese die gleiche ist wie die der männlichen Arbeiter. Aber im Einverständnis mit ihren Auftraggeberinnen werde sie die Frage der Frauenarbeit vom prinzipiellen Standpunkt beleuchten. Da über diese Frage keine Klarheit herrsche, sei es durchaus notwendig, daß ein internationaler Arbeiterkongreß sich klipp und klar über diesen Gegenstand ausspreche, indem er die Prinzipienfrage behandelt. Es ist -- führt die Rednerin aus -- nicht zu verwundern, daß die reaktionären Elemente eine reaktionäre Auffassung haben über die Frauenarbeit. Im höchsten Grade überraschend aber ist es, daß man auch im sozialistischen Lager einer irrtümlichen Auffassung begegnet, indem man die Abschaffung der Frauenarbeit verlangt. Die Frage der Frauenemanzipation, das heißt in letzter Instanz die Frage der Frauenarbeit, ist eine wirtschaftliche, und mit Recht erwartet man bei den Sozialisten ein höheres Verständnis für wirtschaftliche Fragen als das, welches sich in der eben angeführten Forderung kundgibt.
Die Sozialisten müssen wissen, daß bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung die Frauenarbeit eine Notwendigkeit ist; daß die natürliche Tendenz der Frauenarbeit entweder darauf hinausgeht, daß die Arbeitszeit, welche jedes Individuum der Gesellschaft widmen muß, vermindert wird oder daß die Reichtümer der Gesellschaft wachsen; daß es nicht die Frauenarbeit an sich ist, welche durch Konkurrenz mit den männlichen Arbeitskräften die Löhne herabdrückt, sondern die Ausbeutung der Frauenarbeit durch den Kapitalisten, der sich dieselbe aneignet.
Die Sozialisten müssen vor allem wissen, daß auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit beruht. Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, so- lange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Die Unerläßliche Bedingung für diese ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit. Will man die Frauen zu freien menschlichen Wesen, zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft machen wie die Männer, nun, so braucht man die Frauenarbeit weder abzuschaffen noch zu beschränken, außer in gewissen, ganz vereinzelten Ausnahmefällen. Die Arbeiterinnen, welche nach sozialer Gleichheit streben, erwarten für ihre Emanzipation nichts von der Frauenbewegung der Bourgeoisie, welche angeblich für die Frauenrechte kämpft. Dieses Gebäude ist auf Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage. Die Arbeiterinnen sind durchaus davon überzeugt, daß die Frage der Frauenemanzipation keine isoliert für sich bestehende ist, sondern ein Teil der großen sozialen Frage. Sie gehen sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, daß diese Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelost werden wird, sondern erst nach einer gründlichen Umgestaltung der Gesellschaft. Die Frauenemanzipationsfrage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren. Emanzipation der Frau heißt die vollständige Veränderung ihrer sozialen Stellung von Grund aus, eine Revolution ihrer Rolle im Wirtschaftsleben. Die alte Form der Produktion mit ihren unvollkommenen Arbeitsmitteln fesselte die Frau an die Familie und beschränkte ihren Wirkungskreis auf das Innere ihres Hauses. Im Schoß der Familie stellte die Frau eine außerordentlich produktive Arbeitskraft dar. Sie erzeugte fast alle Gebrauchsgegenstände der Familie. Beim Stande der Produktion und des Handels von ehedem wäre es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, diese Artikel außerhalb der Familie zu produzieren. Solange diese älteren Produktionsverhältnisse in Kraft waren, solange war die Frau wirtschaftlich produktiv ...
Die maschinelle Produktion hat die wirtschaftliche Tätigkeit der Frau in der Familie getötet. Die Großindustrie erzeugt alle Artikel billiger, schneller und massenhafter, als dies bei der Einzelindustrie möglich war, die nur mit den unvollkommenen Werkzeugen einer Zwergproduktion arbeitete. Die Frau mußte oft den Rohstoff, den sie im ldeinen einkaufte, teurer bezahlen als das fertige Produkt der maschinellen Großindustrie. Sie mußte außer dem Kaufpreis (des Rohstoffes) noch ihre Zeit und ihre Arbeit dreingeben. Infolgedessen wurde die produktive Tätigkeit innerhalb der Familie ein ökonomischer Unsinn, eine Vergeudung an Kraft und Zeit. Obgleich ja einzelnen Individuen die im Schoß der Familie produzierende Frau von Nutzen sein mag, bedeutet diese Art der Tätigkeit nichtsdestoweniger für die Gesellschaft einen Verlust. Das ist der Grund, warum die gute Wirtschafterin aus der guten alten Zeit fast gänzlich verschwunden ist. Die Großindustrie hat die Warenerzeugung im Hause und für die Familie unnütz gemacht, sie hat der häuslichen Tätigkeit der Frau den Boden entzogen. Zugleich hat sie eben auch den Boden für die Tätigkeit der Frau in der Gesellschaft geschaffen. Die mechanische Produktion, welche der Muskelkraft und qualifizierten Arbeit entraten kann, machte es möglich, auf einem großen Arbeitsgebiete Frauen einzustellen. Die Frau trat in die Industrie ein mit dem Wunsche, die Einkünfte in der Familie zu vermehren. Die Frauenarbeit in der Industrie wurde mit der Entwicklung der modernen Industrie eine Notwendigkeit. Und mit jeder Verbesserung der Neuzeit ward Männerarbeit auf diese Weise überflüssig, Tausende von Arbeitern wurden aufs Pflaster geworfen, eine Reservearmee der Armen wurde geschaffen, und die Löhne sanken fortwährend immer tiefer.
Ehemals hatte der Verdienst des Mannes unter gleichzeitiger produktiver Tätigkeit der Frau im Hause ausgereicht, um die Existenz der Familie zu sichern; jetzt reicht er kaum hin, um den unverheirateten Arbeiter durchzubringen. Der verheiratete Arbeiter muß notwendigerweise mit auf die bezahlte Arbeit der Frau rechnen.
Durch diese Tatsache wurde die Frau von der ökonomischen Abhängigkeit vorn Manne befreit. Die in der Industrie tätige Frau, die unmöglicherweise ausschließlich in der Familie sein kann als ein bloßes wirtschaftliches Anhängsel des Mannes -- sie lernte als ökonomische Kraft, die vom Manne unabhängig ist, sich selbst genügen. Wenn aber die Frau wirtschaftlich nicht mehr vom Manne abhängt, so gibt es keinen vernünftigen Grund für ihre soziale Abhängigkeit von ihm. Gleichwohl kommt diese wirtschaftliche Unabhängigkeit allerdings im Augenblick nicht der Frau selbst zugute, sondern dem Kapitalisten. Kraft seines Monopols der Produktionsmittel bemächtigte sich der Kapitalist des neuen ökonomischen Faktors und ließ ihn zu seinem ausschließlichen Vorteil in Tätigkeit treten. Die von ihrer ökonomischen Abhängigkeit dem Manne gegenüber befreite Frau ward der ökonomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: Sie hatte nur den Herrn gewechselt. Immerhin gewann sie bei diesem Wechsel; sie ist nicht länger mehr dem Mann gegenüber wirtschaftlich minderwertig und ihm untergeordnet, sondern seinesgleichen. Der Kapitalist aber begnügt sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe außerdem noch dadurch nutzbar, daß er die männlichen Arbeiter mit ihrer Hilfe noch gründlicher ausbeutet. Die Frauenarbeit war von vornherein billiger als die männliche Arbeit. Der Lohn des Mannes war ursprünglich darauf berechnet, den Unterhalt einer ganzen Familie zu decken; der Lohn der Frau stellte von Anfang an nur die Kosten für den Unterhalt einer einzigen Person dar, und selbst diese nur zum Teil, weil man darauf rechnete, daß die Frau auch zu Hause weiterarbeitet außer ihrer Arbeit in der Fabrik. Ferner entsprachen die von der Frau im Hause mit primitiven Arbeitsinstrumenten hergestellten Produkte, verglichen mit den Produkten der Großindustrie, nur einem kleinen Quantum mittlerer gesellschaftlicher Arbeit. Man ward also darauf geführt, eine geringere Arbeitsfähigkeit bei der Frau zu folgern, und diese Erwägung ließ der Frau eine geringere Bezahlung zuteil werden für ihre Arbeitskraft. Zu diesen Gründen für billige Bezahlung kam noch der Umstand, daß im ganzen die Frau weniger Bedürfnisse hat als der Mann.
Was aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders wertvoll machte, das war nicht nur der geringe Preis, sondern auch die größere Unterwürfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulierte auf diese beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht wie möglich zu entlohnen und den Lohn der Männer durch diese Konkurrenz so stark wie möglich herabzudrücken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit zunutze, um die Löhne der Frauen herabzudrücken; und die Arbeit der Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft überhaupt herabzudrücken. Das kapitalistische System allein ist die Ursache, daß die Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; daß sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages führt, anstatt eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; daß sie nicht gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichtümer der Gesellschaft, das heißt mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer größeren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit, die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem kapitalistischen Produktionssystem verschwinden.
Der Kapitalist muß, um der Konkurrenz nicht zu unterliegen, sich bemühen, die Differenz zwischen Einkaufs-(Herstellungs-)preis und Verkaufspreis seiner Waren so groß wie möglich zu machen; et sucht also so billig wie möglich zu produzieren und so teuer wie möglich zu verkaufen. Der Kapitalist hat folglich alles Interesse daran, den Arbeitstag ins Endlose zu verlängern und die Arbeiter mit so lächerlich geringfügigem Lohn abzuspeisen wie nur irgend möglich. Dieses Bestreben steht in geradem Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterinnen, ebenso wie zu denen der männlichen Arbeiter. Es gibt also einen wirklichen Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeitet und der Arbeiterinnen nicht; sehr wohl aber existiert ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen den Interessen des Kapitals und denen der Arbeit. Wirtschaftliche Gründe sprechen dagegen, das Verbot der Frauenarbeit zu fordern.
Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage ist so, daß weder der Kapitalist noch der Mann auf die Frauenarbeit verzichten können. Der Kapitalist muß sie aufrechterhalten, um konkurrenzfähig zu bleiben, und der Mann muß auf sie rechnen, wenn er eine Familie gründen will. Wollten wir selbst den Fall setzen, daß die Frauenarbeit auf gesetzgeberischem Wege beseitigt werde, so würden dadurch die Löhne der Männer nicht verbessert werden. Der Kapitalist würde den Ausfall an billigen weiblichen Arbeitskräften sehr bald durch Verwendung vervollkommneter Maschinen in umfangreicherem Maße decken -- und in kurzer Zeit würde alles wieder sein wie vorher. Nach großen Arbeitseinstellungen, deren Ausgang für die Arbeitet günstig war, hat man gesehen, daß die Kapitalisten mit Hilfe vervollkommneter Maschinen die errungenen Erfolge der Arbeiter zunichte gemacht haben. Wenn man Verbot oder Beschränkung der Frauenarbeit auf Grund der aus ihr erwachsenden Konkurrenz fordert, dann ist es ebenso logisch begründet, Abschaffung der Maschinen und Wiederherstellung des mittelalterlichen Zunftrechts zu fordern, welches die Zahl der in jedem Gewerbebetriebe zu beschäftigenden Arbeiter festsetzte. Allein, abgesehen von den ökonomischen Gründen sind es vor allem prinzipielle Gründe, welche gegen ein Verbot der Frauenarbeit sprechen. Eben auf Grund der prinzipiellen Seite der Frage müssen die Frauen darauf bedacht sein, mit aller Kraft zu protestieren gegen jeden derartigen Versuch; sie müssen ihm den lebhaftesten und zugleich berechtigtsten Widerstand entgegensetzen, weil sie wissen, daß ihre soziale und politische Gleichstellung mit den Männern einzig und allein von ihrer ökonomischen Selbständigkeit abhängt, welche ihnen ihre Arbeit außerhalb der Familie in der Gesellschaft ermöglicht. Vom Standpunkt des Prinzips aus protestieren wir Frauen nachdrücklichst gegen eine Beschränkung der Frauenarbeit. Da wir unsere Sache durchaus nicht von der Arbeitersache im allgemeinen trennen wollen, werden wir also keine besonderen Forderungen formulieren; wir verlangen keinen anderen Schutz als den, welchen die Arbeit im allgemeinen gegen das Kapital fordert. Nur eine einzige Ausnahme lassen wir zugunsten schwangerer Frauen zu, deren Zustand besondere Schutzmaßregeln im Interesse der Frau selbst und der Nachkommenschaft erheischt. Wir erkennen gar keine besondere Frauenfrage an -- wir erkennen keine besondere Arbeiterinnenfrage an! Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem männlichen gleichen Unterricht -- obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur natürlich und gerecht ist -- noch von der Gewährung politischer Rechte. Die Länder, in denen das angeblich allgemeine, freie und direkte Wahlrecht existiert, zeigen uns, wie gering der wirkliche Wert desselben ist. Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat. Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeitet in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.
In Erwägung dieser Tatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche ihrer Befreiung ernst ist, nichts anderes übrig, als sich der sozialistischen Arbeiterpartei anzuschließen, der einzigen, welche die Emanzipation der Arbeiter anstrebt. Ohne Beihilfe der Männer, ja, oft sogar gegen den Willen der Männer, sind die Frauen unter das sozialistische Banner getreten; man muß sogar zugestehen, daß sie in gewissen Fallen selbst gegen ihre eigene Absicht unwiderstehlich dahin getrieben worden sind, einfach durch eine klare Erfassung der ökonomischen Lage. Aber sie stehen nun unter diesem Banner, und sie werden unter ihm bleiben! Sie werden unter ihm kämpfen für ihre Emanzipation, für ihre Anerkennung als gleichberechtigte Menschen. Indern sie Hand in Hand gehen mit der sozialistischen Arbeiterpartei, sind sie bereit, an allen Mühen und Opfern des Kampfes teilzunehmen, aber sie sind auch fest entschlossen, mit gutem Fug und Recht nach dem Siege alle ihnen zukommenden Rechte zu fordern. In bezug auf Opfer und Pflichten sowohl wie auf Rechte wollen sie nicht mehr und nicht weniger sein als Waffengenossen, die unter gleichen Bedingungen in die Reihen der Kämpfer aufgenommen worden sind. (Lebhafter Beifall, der sich wiederholt, nachdem Bürgerin Aveling diese Auseinandersetzung ins Englische und Französische übersetzt hat.)

Donnerstag, 22. September 2011

Nonkonformismus

Im Merkur, nicht dem Lebensmittelmarkt, den bei uns viele kennen, sondern in der Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken, widmet sich die Doppelnummer als Abschiedsausgabe der beiden Herausgeber und Redakteure Kurt Scheel und Karl Heinz Bohrer einem kniffligen Thema:

Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind.


Im Inhaltsverzeichnis kann man einige Beiträge zu Gratislesen oder Runterladen finden.

In der TAZ vom 19.9.2011 ist ein von Jan Feddersen geführtes Interview mit Kurt Scheel zu finden, worin man schon eine Kostprobe von seinem Nonkonformismus erfährt:

Kurt Scheel über Europa und das Rauchen

"Denken muss sein wie ein Foxterrier"
Kurt Scheel war dreißig Jahre Redakteur und Herausgeber des "Merkur". Nun hört er auf - mit einem Heft über "Nonkonformismus".