Sonntag, 15. Januar 2012

Nazismus postmodern


Immer mehr zeigt sich nazistisches Säuberungsdenken im Mantel sogenannt besorgter Demokratiebewegungen. Als politische reife Aktivierung aufrechter Bürger wird vermehrt nach Zensur und Verfolgung gerufen, werden polizeistaatliche Maßnahmen gefordert, werden Feinde „zum Abschuss“ freigegeben.

Kunst müsse politisch aktiv werden. Das findet auch der polnische Künstler Artur Żmijewski , dessen Gaskammer-Tanzvideos aus einem ehemaligen KZ nicht in allen Museen gezeigt werden durften, und der als Kurator der Berliner Kunst-Aktion der Berlinale 2012 fungiert. In seinem Programm stellte der tschechische Künstler  Martin Zet sein Projekt vor „Deutschland schafft es ab“, einer Sammelaktion von Thilo Sarrazins heftig kritisiertem Buch „Deutschland schafft sich ab“. 60.000 Exemplare will der Künstler einsammeln und für eine Installation verwenden. Nach ihrem Ende sollen die Bücher „recycled“ werden.

Namhafte, von öffentlicher Hand subventionierte Kulturorganisationen beteiligten sich bei dieser Aktion. Erst, als Kritiken laut wurden, bequemten sich einige zu Distanzierungen und Absagen, so das „Berliner Haus der Kulturen der Welt“ oder das „Institut für Auslandsbeziehungen“, das am 13.1.2012 erklärte, „vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte“ sei eine Umsetzung in dieser Form nicht zu akzeptieren. – Heißt das, vor einem anderen historischen Hintergrund, also in einem anderen Land, wäre die Entsorgungsorgie sehr wohl akzeptabel?

Bemerkenswert, mit welchen Euphemismen die Künstler und ihre Unterstützer operieren: RECYCLEN, anstatt der treffendere Terminus „ENTSORGEN“. Die Entsorgung ist eine Vernichtung. Recycling steht hier als gängiges Etikett für den modischen Begriff der „Transformation“.

Interessant auch die Begründungen: es gehe „um einen guten Zweck“. Die Aktion diene dazu, „das Buch als aktives Werkzeug zu benutzen, welches den Menschen ermöglicht, ihre eigene Position zu bekunden“.

So argumentierten die SA-Schergen und ihre begeisterten Helfershelfer und Mitläufer, Studenten und Professoren, bei den Bücherverbrennungen der Nazis. Auch damals ging es um missliebige Bücher, auch damals bezogen die Beteiligten eine Kulturposition, nutzten die Bücher als Werkzeug zu eben dieser Kulturtat der Vernichtung. Dem Sinn nach entspricht die geplante Berliner Entsorgung durch das Recycling der Verbrennung. Der Rekurs auf politische Aktivierung und Kunst, sozusagen als besondere Qualität zivilgesellschaftlicher Reife, kann den faschistischen Kern der Säuberung, Reinigung, Purifizierung durch Vernichtung nicht verdecken.

Skandalös und erschreckend, dass viele Organisationen erst Abstand nehmen, nachdem doch einige Kritik laut wurde. Begrüßenswert, dass das Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam von anbeginn diese Aktion ablehnte und verurteilte.

Dieses gefährliche, politische, künstlerische Denken hat eine lange Tradition. In Zeiten der Orientierungsschwäche sehen allzu viele den „guten Zweck“ als Legitimation für jede Aktion. Aber wenn der Zweck einmal jedes Mittel heiligt, schließt „alle“ eben auch die inakzeptablen mitein. Dagegen ist zu protestieren. Wie schnell sind heute Gutmenschen mit dem Rassismusvorwuf zur Stelle, wie zügig wird nach Kriterien der politischer Korrektheit zensuriert, wie vehement laufen Rufmordkampagnen im Netz ab! Hinter den meisten dieser Aktionen steht ein schiefer Realismusbegriff für die Kunst und für die Politik bzw. die Verbindung von Kunst mit Politik: Kunst als Politikersatz. Aber dieser Ersatz bleibt eben nicht Kunst, sondern wirkt, als Politik, vergiftend, verheerend, entsorgend. Schlussendlich tödlich. Wie sagte doch Heine? „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Haimo L. Handl, 15.1.2012


Im VORWÄRTS, der Zeitung der deutschen Sozialdemokratie, wurde die Aktion, wie in vielen anderen Zeitungen und von vielen anderen Kulturorganisationen, beworben.

"Deutschland schafft es ab"
Kunstaktion mit Sarrazin-Büchern löst Debatte aus
Der Künstler Martin Zet will 60.000 Bücher von Thilo Sarrazin sammeln und recyceln. Aber seine Sammel-Partner sehen jetzt Parallelen zur NS-Bücherverbrennung.
Welt Online 14,1.2012




Martin Zet shares his experience of loosing his own artistic ego ...





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