Mittwoch, 14. September 2011
Dienstag, 13. September 2011
Celans späte Poesiefeindlichkeit
Schöttker: Aber Sie waren doch ungeheuer fasziniert von seinen Gedichten, geradezu magisch angezogen, wie die Briefe zeigen.
Demus: Von seiner Sprache und von seinem dichterischen Genie! Aber sein Gedichtbegriff war für mich nicht verbindlich. Es gab bei ihm, auch wenn er das bestritten hat, einen Zusammenhang mit dem Surrealismus. Und der leugnet ja die Bindung an die Wirklichkeit.
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Hübner: Celan hatte in Wien auch Kontakt zu dem Maler und Grafiker Edgar Jené. 1948 schrieb er den Beitrag "Edgar Jené und der Traum vom Traume" für einen Band mit dessen Lithographien.
Demus: Celan und Jené hatten keine enge Verbindung, obwohl er eine Zeitlang bei den Jenés wohnte. Celan hat nachher die Jené-Graphik aus den Exemplaren von "Der Traum vom Traume" herausgerissen, wenn er sie verschenkt hat. Er wollte sich damit nicht einig zeigen.
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[Zur Begegnung von Heidegger und Celan:]
Demus: Das "Todtnauberg"-Gedicht wird bis jetzt falsch gedeutet. Der Celansche Text ist meiner Überzeugung nach nichts als das schlichte Denkmal einer Begegnung, das die wenigen Einzelheiten, die es gab, als gemeinsam beschrittenen Weg festhalten will – ohne doppelbödige Tendenz. Aber man hat ja sogar die "Knüppelpfade" als KZ-Anspielung deuten wollen! Hierfür gilt doch wohl: "Honni soit qui mal y pense!" Außerdem ist es lächerlich.
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Hübner: War Ihnen und Celan bewußt, welche Bedeutung die "Todesfuge" bekommen sollte, nachdem das Gedicht Ende der vierziger jahre erstmals auf Deutsch gedruckt worden war? In den sechziger jahren wurde es eines der bekanntesten Gedichte überhaupt.
Demus: Nein, das war uns zunächst nicht bewußt. Celan konnte das Gedicht später nicht mehr ausstehen. Es ist hochgespielt worden.Wir haben Celan sehr oft die "Todesfuge" sprechen hörten, aber schließlich hat er gesagt: "Nicht die 'Todesfuge', es ist kein gutes Gedicht."
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Schöttker: Es kommt in den Briefen zum Ausdruck, daß Sie die Veränderungen in der Lyrik Celans mit seiner Krankheit in Verbindung gebracht haben.
Demus: ja, seit dem Band "Niemandsrose" von 1963. Seither habe ich Celans Gedichtbegriff nicht mehr anerkennen können. Er hatte sich sehr verändert. Die einzigartige Liebenswürdigkeit, die sich bis dahin auch in seiner Lyrik ausgesprochen hatte, wich einer ganz anderen Haltung, die ich jetzt gar nicht charakterisieren will. Jedenfalls habe ich dies als poesiefiendlich empfunden.
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Celan, das geht aus den zitierten Stellen hervor, konnte also sehr resolut sein. Wie hätte er reagiert, wenn jemand aus einer Zeitschrift, in der Gedichte von ihm abgedruckt sind, just diese herausgerissen hätte, bevord er sie verschenkt?
Celan war liebenswürdig.
Celan litt an Paranoia und sah sich überall von Feinden umgeben. Viele Freundschaften zerbrachen deshalb. Trotzdem ist der Hinweis auf Auswirkungen dieser Krankheit auf sein Werk öffentlich nicht (sehr) bekannt. Demus' Urteil, er habe das Spätwerk "poesiefeindlich" gefunden, verdient näher untersucht zu werden.
Unabhängig davon, deshalb habe ich diesen Text als Ergänzung notiert, wird aber aufgezeigt, dass er später in "einer ganz anderen Haltung" schrieb. Hierin sehe ich eine Nachbarschaft zur hassenden Jelinek, obwohl ihr Hass keiner Paranoia entspringt (soweit öffentlich bekannt). Die Wahrscheinlichkeit, dass seine dunklen Gedichte eingefärbt sind vom Verfolgungswahn, von der generellen Feindsicht (Max Frisch war ihm ein Nazi ebenso wie René Char, um nur zwei prominente zu nennen), klingt plausibel. Dass sie wie Gebete, wie Heiliges verehrt werden, entspricht nicht nur der eigentümlichen Rezeptionshaltung, sondern auch den Texten.
Bemerkenswert auch die Anmerkung zur gängigen, falschen Deutung am Beispiel von "Todtnauberg". Das ließe sich auf viele andere Gedichte übertragen. Ein Beleg mehr für die Gewalt der herrschenden Rezeptionshaltung.
Montag, 12. September 2011
Die fatale Art eines Nihilismus, gepaart mit unbändigem Hass
„In seinen Versen war keine Bejahung der Welt, jene Bejahung, die wir in dere Kunst als Sympathie des Künstlers zum Dargestellten, sei es ein Apfel oder ein Baum, herausfühlen. Sie offenbarten nur eine tiefe Störung des Gleichgewichts. Die Kunst lässt uns manches ahnen. Die Welt Bachs oder die Welt Breughels war geordnet, hierarchisch geschichtet; die moderne Kunst enthält viele Beispiele blinder Leidenschaft, die an Formen, Farben und Tönen sich nicht sättigen kann. Die sinnliche Betrachtung des Schönen ist nur möglich, wenn der Künstler Liebe fühlt zu der ihn umgebenden Welt. Wenn er aber nur Ekel empfindet, dann hält es ihn an keinem Ort, und er wird unfähig, sich umzusehen. Er schämt sich jeder Liebesregung, er ist verurteilt zu ständiger Bewegung und nur skizzenhaftem Festhalten von Brocken der beobachteten Natur. Er gleicht dem Nachtwandler, der nur so lange das Gleichgewicht bewahren kann, als er geht. Die Bilder, die Beta gebrauchte, waren ein wirbelnder nebel, und vor dem völligen Zusammenbruch rettete ihn nur der trockene Rhythmus des Hexameters. Diese Eigenart seiner Dichtung kann man zum Teil seiner Zugehörigkeit zu einer unglücklichen Generation und zu einem unglücklichen Volk, zuschreiben.“
„Das Erlebnis des Konzentrationslagers hat aus Beta einen Schriftsteller gemacht. Er entdeckte, dass sein eigentliches Gebiet die Prosa sei. In seinen Erzählungen ist Beta ein Nihilist. Unter Nihilismus verstehe ich aber nicht Amoralität. Im Gegenteil, er entspringt ener ethischen Leidenschaft, es ist die enttäuschte Liebe zur Welt und zu den Menschen. Beta will in seinen Beschreibungen bis ans Ende gehen, er will die Welt genau darstellen, in der für Empörung kein Platz mehr ist. Die Spezies Mensch steht in Betas Erzählungen nackt da, entkleidet von allen guten Gefühlen, die nur so lange andauern, als die Sittlichkeit der Zivilisation andauert. Die Sittlichkeit der Zivilisation ist zerbrechlich. Es genügt ein plötzlicher Wechsel der Lebensbedingungen, und die Menschheit kehrt in den Urzustand der Wildheit zurück.“
„Viele hervorragende Autoren, wie Swift, Stendhal oder Tolstoj, haben in ihren Werken politische Leidenschaften ausgedrückt. Man darf sogar sagen: Dank der politischen Leidenschaft, h. h. dank einer wichtigen Wendung, die der Schriftsteller seinen Lesern mitteilen will, gewinnt das Werk an Kraft. Der wesentliche Unterschied zwischen den großen Schriftstellern, die die politischen Einrichtungen ihrer Zeit kritisierten, und den Schreibern vom Typus Beta scheint auf dem völligen Non-Konformismus der ersteren zu beruhen; sie standen im Gegensatz zu ihrer Umgebung, während Beta, wenn seine Feder übers Papier eilt, schon den Beifall der Parteikollegen hört.“
Sonntag, 11. September 2011
The books business
Digitisation may have came late to book publishing, but it is transforming the business in short order
The Economist, September 10, 2011
Once the industry reacts to assumed consumer habits by such pace, one can measure the seriousness of the changes.
Samstag, 10. September 2011
Schreiben & Bildung & Auftrag
„Wenn Sie nur wüßten, welch tiefe Abneigung Europa während dieser vier Jahre in mir hervorgerufen hat. Mein Gott, was für Vorurteile bei uns in Russland über dieses Europa herrschen! Sind denn diese Russen nicht kindisch, wenn sie glauben, dass der Preuße durch seine Schulen gesiegt habe?... Noch eine Beobachtung: hier kann das ganze Volk schreiben und lesen, aber es ist unglaublich ungebildet, dumm und stumpf und verfolgt die niedrigsten Interessen.“
Dostojewski in einem Brief 1871 an Maikow
Gut schreiben lernen. — Die Zeit des gut-Redens ist vorbei, weil die Zeit der Stadt-Culturen vorbei ist. Die letzte Gränze, welche Aristoteles der grossen Stadt erlaubte — es müsse der Herold noch im Stande sein, sich der ganzen versammelten Gemeinde vernehmbar zu machen —, diese Gränze kümmert uns so wenig, als uns überhaupt noch Stadtgemeinden kümmern, uns, die wir selbst über die Völker hinweg verstanden werden wollen. Desshalb muss jetzt ein Jeder, der gut europäisch gesinnt ist, gut und immer besser schreiben lernen: es hilft Nichts, und wenn er selbst in Deutschland geboren ist, wo man das schlecht-Schreiben als nationales Vorrecht behandelt. Besser schreiben aber heisst zugleich auch besser denken; immer Mittheilenswertheres erfinden und es wirklich mittheilen können; übersetzbar werden für die Sprachen der Nachbarn; zugänglich sich dem Verständnisse jener Ausländer machen, welche unsere Sprache lernen; dahin wirken, dass alles Gute Gemeingut werde und den Freien Alles frei stehe; endlich, jenen jetzt noch so fernen Zustand der Dinge vorbereiten, wo den guten Europäern ihre grosse Aufgabe in die Hände fällt: die Leitung und Ueberwachung der gesammten Erdcultur. — Wer das Gegentheil predigt, sich nicht um das gut-Schreiben und gut-Lesen zu kümmern — beide Tugenden wachsen mit einander und nehmen mit einander ab —, der zeigt in der That den Völkern einen Weg, wie sie immer noch mehr national werden können: er vermehrt die Krankheit dieses Jahrhunderts und ist ein Feind der guten Europäer, ein Feind der freien Geister.
Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, 2. Band, Der Wanderer und sein Schatten
Montag, 5. September 2011
Liao Yiwus "Massaker"
Freitag, 2. September 2011
A British view on the literary canon
Gregory Currie, TLS 31 Agusut 2011
Here’s a suggestion about how to read the literary canon: treat it as an exercise in pretence.
Donnerstag, 1. September 2011
Semprun – Der Schriftsteller
So schreibt Franziska Augstein in ihrem Nachruf auf Jorge Semprún (Süddeutsche Zeitung, 8.6.2011)
Von derselben Autorin erschien 2008 bei Beck ihr Buch:
Von Treue und Verrat
Jorge Semprún und sein Jahrhundert
2008. 381 S.: mit 32 Abbildungen. Gebunden
C. H. Beck ISBN 978-3-406-57768-0
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Ein Autor kann die Rezeption seines Werkes, wenn überhaupt, nur gering beeinflussen. Oft überwiegen außerliterarische Kriterien, oft vermengen sich diese mit literarischen. Oft wirkt die Ideologie der Zeit extrem stark. Semprún verdient es, primär als Schriftsteller gelesen zu werden, erst danach als Zeuge.
Nach seinem eigenen, etwas altmodischen Verständnis eines Dichters order Schriftstellers sah er sich selbst nicht als "echten" Schriftsteller, ganz einfach, weil nichts ihn treibe. Er war kein Getriebener. Aber gerade deswegen war er freier. Nur einem Freien steht die Wahl zu. Ein Getriebener, einer, der gar nicht anders als schreiben, weil er MUSS, schreibt wie ein Süchtiger, das heisst, ohne Wahl. Er gibt einer inneren Sucht, einem Drang, einem Trieb nach. Gerade seine Abhängigkeit als Getriebener führt zu seinen Eergüssen. Dass diese von einer verbildeten Leserschaft als geniale Produktionen mehr geschätzt werden, als die Produktionen des frei oder freier Handelnden, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Publikum und seine alten, verbohrten Ansichten. Rudimente eines unbewältigten Geniekults, obsolet und peinlich.
Getriebene sollten uns verdächtig sein. Gut, dass Semprún keiner war.
