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Samstag, 28. April 2012

Joseph Brodsky empfiehlt Lyriker


(Aus: „Wie Bücher zu lesen sind – Zur Eröffnung der ersten Turiner buchmesse am 18. Mai 1988“ In: Joseph Brodsky: Der sterbliche Dichter. Über Literatur, Liebshaften und Langeweile. Hanser, München 1998)

Der russisch-amerikanische Dichter Joseph Brodsky (24.5.1940-28.1.1996) gibt seine persönliche Wertschätzung wieder, keine allgemeingültige Vorschreibung, keinen verbindlichen Kanon. 

Deutsch:

Rainer Maria Rilke
Georg Trakl
Peter Huchel
Gottfried Benn


Englisch:

Robert Frost
Thomas Hardy
W. B. Yeats,
Tl. S. Eliot
W. H. auden
Marianne Moore
Elizabeth Bishop


Französisch:

Guillaume Apollinaire
Jules Supervielle
Pierre Reverdy
Blaise Cendrars
Einiges von
Paul Eluard
Aragon
Victor Segalen
Henrich Michaux


Griechisch:

Konstantin Kavafis
Geiorgos Seferis
Jannis Ritsos

Italienisch:

Salvatore Quasimodo
Umberto Saba
Giuseppe Ungaretti
Eugenio Montale


Niederländisch:

Martinus Nijhoff


Polnisch:

Leopold Staff
Czeslaw Milosz
Zbigniew Herb ert
Wislawa Szymborska


Portugiesisch:

Fernando Pessoa
Vielleicht auch:
Carlos Drummond de Andrade


Russisch:

Marina Zwetajewa
Ossip Mandelstam
Anna Achmatowa
Boris Pasternak
Wladislaw Chodassewitsch
Welemir Chlebnikow
Nikolaj Kljujew


Schwedisch:

Gunnar Ekelöf
Harry Martinson
Tomas Tranströmer


Spanisch:

Antonio Machado
Frederico García Lorca
Luis Cernuda
Rafael Alberti
Juan Ramón Jiménez
Octavio Paz




 


Freitag, 16. Dezember 2011

Spieglein, Spieglein an der Wand


Kürzlich nahm ich mir “Caffè Specchi“ von Giuliana Morandini, ins Deutsche übersetzt von Heinz Riedt, zur Lektüre. Nach dem ersten Kapitel gab ich auf. Zu viele Stilblüten irritierten mich, als dass ich das Risiko weiteren Ärgers einzugehen bereit gewesen wäre. Ich war verwundert.

Die Kritiken über die Autorin (1941 in Udine geboren; in einer Biografie im Internet las ich das Geburtsdatum 1938; ich konnte im Netz leider keine genauen Daten finden) sind durchwegs positiv, der Übersetzer (1919-1997) bekannt mit Übertragungen von Werken namhafter Autoren wie Primo Levi, Italo Calvino, Gadda, Pirandello und weiteren. Die deutsche Ausgabe ist mit einem Nachwort von Prof. Marino Freschi versehen. Die Autorin erhielt 1983 den Premio Viareggio für dieses Buch.

Trotzdem stolperte ich über Sätze wie diese:

„Erst als das dunkle Auto vor dem Hotel hielt, zögerte sie.“ 

Hätte sie vorher zögern sollen? Das „Erst“ bedeutet ein zeitliches Versäumnis. „Als das dunkle Auto vor dem Hotel hielt, zögerte sie.“ Man kann sagen, die Autorin teile damit bereits eine Spannung mit. Der nächste Satz erläutert: „Sie wäre gerne weitergefahren, aber der Taxichauffeur hatte dien Koffer schon herausgeholt.“ Sie hatte zum Hotel gewollt, aber doch nicht wirklich. Sie zögerte erst, hinsichtlich des Wunsches weiterzufahren, als der Wagen schon hielt. Dann war es zu spät, weil der Taxifahrer so schnell war. Aber nichts ist vorher und nachher gesagt, wann sie den Wunsch verspürt hat weiterzufahren. Wenn der erst aufkam, als der Wagen hielt, erübrigt sich das „erst“. „Doch als das dunkle Autor vor dem Hotel hielt, zögerte sie.“ Lauter verschiedene Aussagen und Bedeutungen. Der erste Satz ist unklar. „Erst“ kann auch eine Umstandsbestimmung sein: Erst X, dann Y, oder erst wenn... Doch im Kontext der Vor- und Nachsätze überwiegt (für mich) die temporale Bestimmung.

„Die Pferde rannten wie wahnsinnig mit dem entblößten Oberkörper der jungen polnischen Gräfin Maria.“ 

Hoffentlich rannten sie (wie „rennen“ denn Pferde?) mit der Gräfin Maria, und nicht nur mit ihrem Oberkörper. Dann wären sie nämlich nicht mit der Gräfin gerannt, sondern nur mit einem Körperteil von ihr. Die Pferde galoppierten also mit der Gräfin, deren Oberkörper entblößt war, nehme ich mal an, oder war die Gräfin grausam halbiert worden, und die Pferde „rannten“ mit dem nackten Körperteil davon?

„Das Meeresrauschen drang bis zur Scheibe hin.“ 

Aber sie, die hinter der Scheibe war, hörte es. Wie das, da es nur BIS zur Scheibe drang? Es muss doch durch die Scheibe gedrungen sein, wie Licht, das kein lichtdichter Vorhang abhält.

„Katharina versuchte, etwas zu sagen, brachte aber kein Wort über die Lippen, brachte es nicht fertig, die ungelenken Bewegungen der Zunge zu artikulieren, die immer mehr anschwoll.“ 

Die Zunge ist weder gelenkig noch ungelenkig, sie kann es auch nicht sein, weil sie kein gelenkiger Teil des Bewegungsapparats ist. Sie kann flink, lahm, taub, angeschwollen etc. sein, aber nicht ungelenk. Und wie werden Bewegungen artikuliert? Wir artikulieren für gewöhnlich Äußerungen durch Betätigen des Mundapparats, der Gestik und Mimik. Hier schreibt die Autorin aber nicht von möglichen mimischen oder gestischen Bewegungen, sondern von verhindertem Sprechen, weil die Zunge ungelenk war und angeschwollen.

„Sie nahm ein Törtchen in die Hand. (...) Das Gebäck war platt und fasste sich kalt an, wie Keramik. „natürlich eine Attrappe“ ... „Aber was für ein Einfall, jetzt an Winter und Kuchen zu denken!“ Solche Törtchen hatte sie als Kind gegessen.“

Sie meint wohl, Törtchen, die wirklich welche waren, hatte sie als Kind gegessen und nicht solche, wie die Attrappe. Aber „Solche“ bezieht sich auf das im Vorsatz genannte Törtchen, welches eine Attrappe ist. Attrappen hat sie aber nie gegessen.

Ihr Atem beschlug die Scheiben, die jetzt nicht mehr vereist waren, sie formte auf ihnen Wasserwölkchen.“ 

Wie nett und magisch, dass sie Wasserwölkchen zu generieren verstand! Eine kleine Regenmacherin!

Vielleicht stoße ich mich zu pingelig an Mehrdeutigem. Vielleicht wiegen die Geschichte und profunde Sätze, die ich fände, läse ich weiter, diese Beispiele auf. Vielleicht sollte ich einem neuen Sprachstil folgen. Vielleicht haben die Lobenden Recht und ich lasse mich zu leicht irritieren, weil ich ja lesen könnte, was man meinen könnte zu lesen, zu imaginieren, sich vorzustellen usw. usf.

Vielleicht ist die Forderung nach Sprachqualität und Stil selbst schon eine obsolete Manier, eine Zumutung? 


Donnerstag, 22. September 2011

Was ist die effizienteste Kommunikationssprache?

Ein Team von Sprachwissenschaftlern der Universität Lyon hat sich mit Fragen der Effizienz von Informationsübermittlung in verschiedenen Sprachen beschäftigt. Auch wenn alle menschlichen Sprachen grundsätzlich als gleichwertig angesehen werden – da sie dieselben Ideen vermitteln können –, ist die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten beachtlich. Drei Forscher des Labors für Sprachendynamik der Universität Lyon und des CNRS haben die Charakteristika von sieben verschiedenen Sprachen analysiert: Französisch, Deutsch, Spanisch, Englisch, Italienisch, Japanisch und Chinesisch (Mandarin), wobei das Vietnamesische als Referenzsprache diente.

Die Forscher haben 60 Muttersprachler gebeten, 20 kurze Texte– von jeweils nicht mehr als fünf Sätzen – in jeder dieser sieben Sprachen zu lesen, mit 6 bis 10 Muttersprachlern pro Sprache. Sie konnten eine allgemeine Tendenz feststellen: Je schneller eine Sprache gesprochen wird, umso weniger Informationen verschlüsselt eine Silbe. Die Studie zeigt ebenfalls auf, dass derselbe Inhalt eine oft sehr unterschiedliche Zeit benötigt, um ausgesprochen zu werden. Die Informationsdichte weist in den verschiedenen Sprachen einen gewissen Harmonisierungsgrad auf: Die Sprachen, die schnell gesprochen werden, wie z.B. das Spanische, enthalten in der Regel weniger Informationen pro Silbe und haben daher eine geringere Informationsdichte.

Im Gegensatz dazu wird eine Sprache wie das Chinesische, die komplexer ist und mehr Informationen pro Silbe verschlüsselt, langsamer gesprochen – eine Korrelation wurde des Weiteren zwischen der Informationsdichte pro Silbe und der Komplexität der Sprachstruktur festgestellt.

Jedoch bleibt die Sprach-Effizienz (die Informationsdichte pro Silbe multipliziert durch die Anzahl der Silben pro Sekunde) letztlich relativ ähnlich – der gemessene Unterschied zwischen dem Spanischen und dem Chinesischen z.B. erhöht sich nur um einige Prozent. Auch wenn das Englische die beste Leistung zu erbringen scheint – obwohl die Daten hier keine endgültige Schlussfolgerung zulassen –, so erzielen alle Sprachen, die dieser Studie unterzogen wurden, einen ähnlichen Effizienzgrad: Nur das Japanische produziert einen eindeutig geringeren Wert, trotz einer sehr hohen Silbenanzahl pro Sekunde.

Kontakt: François Pellegrino - Leiter des Labors für Sprachendynamik -
E-Mail: francois.pellegrino@univ-lyon2.fr

Quellen:
- Die Studie "A Cross-Language Perspective on Speech Information Rate"
finden Sie hier (auf Englisch).

Mittwoch, 18. Mai 2011

Hochsprache vs. Populärsprache

Die Nachwelt hat es leichter. Sie muss nicht mehr die göttliche Grobheit des philosophierenden Vetturino über sich ergehen lassen; sie hat es nur noch mit seinen Schriften zu tun. Diese sind so geschrieben, dass ihre Lektüre selbst dann Vergnügen bereitet, wenn der Leser oder gar die Leserin seinen krassen Urteilen nicht zustimmen mögen. Schopenhauer zählt zu den großen Stilisten der deutschen Prosa. Sein Stil ist frei von jeder Manier. Geschmeidig und ohne Hast folgt die umfangreiche, hypotaktisch gegliederte, doch immer übersichtliche Satzperiode dem anspruchsvollen, aber nie dunklen Gedankengang. Doch in der Gegenwart, die sich den kurzen Sätzen verschrieben hat, nützen solche Vorzüge wenig. Vielleicht würden heute Schopenhauers bedenkenswerte, manchmal bedenkliche Gedankengänge häufiger gelesen, wenn er für sie nicht eine so vollkommene Sprache gefunden hätte.
Vom Außenseiter zum Weisheitslehrer
Großer Stilist, Grobian, Querkopf und Vordenker der Moderne: Vor 150 Jahren starb der Philosoph Arthur Schopenhauer. Von Heinz Schlaffer, Welt online 18.09.2010

***

Interessante Bemerkung hinsichtlich Bedeutsamkeit und Wahrnehmung: Weil Schopenhauer so gut ist, weil seine Sprache gehoben ist, kann sie heute nicht mehr wirken, da die Gegenwärtigen eine reduzierte, einfachere Sprache, eine Kurzsprech, pflegen.

Hohe Qualität als Hindernis. Für das Volk, die Konsumenten, bedarf es einer leicht konsumierbaren Einfachheit. Keine individuellen Eigenheiten, also auch kein Stil darf das Bild stören. Ein Widerspruch. Muss man Schopenhauer ÜBERSETZEN? Was bleibt dann von ihm? Schopenhauer in light version!