Sonntag, 6. August 2017

es war hell geworden

Ein Dialog eines älteren Ehepaares am 6.8.1945

Haimo L. Handl





Das Licht schnitt eine Lichtung.
Es war hell geworden.
Heller als der Tag.
Wie kannst du das vergleichen?
Ich kenne die Tage.
Ich kenne die Nächte.
Das war anders.
Es war anders, ja.
Es ward Licht.
Ein Gott hat das Licht gebracht.
Den Tod.
Den lichterlohen Tod.
Ich habe ihn von der Nähe gesehen.
Ich wurde geblendet.
Du kannst nichts mehr sehen.
Weil ich das Licht sah.
Die tödliche Sonne.
Die schöne Wolke.
Die keinen kühlenden Regen brachte.
Die uns verseuchte.
Es war hell geworden.
            Das Licht ist tödlich.
Nur von weiter Ferne darf man seinen Schatten sehen.
            Wir waren weit weg.
Und dennoch strahlte der Schatten auf uns.
            Den Tod kann man nicht erfahren.
Nur das Sterben.
            Auch das lange, lange Sterben.
Viele verglühten.
            Wie Partikel.
Wie in einem Vulkan.
            Wie in Lava.
Kein Bild kann es abbilden.
            Kein Wort kann es beschreiben.
Aber wir reden.
            Aber wir erinnern uns.
Wir waren weit weg.
            Wir sterben langsam.
Bis zum Lichtende dürfen wir ausharren.
            Zu wem sollen wir reden?
Wozu sollen wir reden?
            War es nicht genug?
Es ist nie genug.
            Das Licht ist schneller.
Das Licht reicht weiter.
            Das Licht ist Gott.
Gott ist der Lichtbringer
            Über seine Profeten.
Seine Priester.
            Seine Schergen.
Lichttöter.
            Lichtbringer.
Luzifers.
            Luzifers.
Gib mir einen Tee, bitte.
            Wir haben keinen mehr.
Wir haben keinen mehr? Wie weit ist es gekommen.
            Wir haben keinen Tee.
Morgen besorge ich einen.
            Wo willst du ihn besorgen? Es gibt keinen.
Es muss einen geben.
            Es gibt keinen. Alles ist verbrannt.
Alles ist verbrannt?
            Alles. Fast alles. Drüben, weit weg, ist es weniger schlimm.
Wir sind nicht verbrannt.
            Uns hat der Wind nicht fortgetragen.
Der Orkan streifte uns.
            Der Sturm kochte.
Fast alles verdampfte.
            Kein Tee mehr.
Aber wir sind noch da.
            Wir sind nicht verbrannt.
Gib mir bitte Wasser.
            Ich habe keine Tasse, keinen Becher. Und ich habe kein Wasser.
Kein Wasser?
            Kein Wasser.
Es ist trocken geworden.
            Staub.
Dreck.
            Erde.
Verdürrt, verdorrt, verbrannt.
            Aber wir leben noch.
Noch.
            Mich dürstet.
Wir brauchen Wasser
            Wir haben kein Wasser.
Wir haben keinen Becher.
            Wir haben nichts.
Wir haben uns.
            Denk immer daran.
Solange ich kann.
            Ich denke nichts mehr.
Du bist müde.
            Ich kann nicht mehr denken.
Du lebst.
            Aber ich denke nicht mehr.
Wenn du getrunken haben wirst, denkst du.
            Nein. Ich könnte es nicht fassen.
Du musst.
            Ich kann nicht. Es verflüchtigt sich. Wie leichter Rauch. Ohne Wind.
Siehst Du meine Hände?
            Ich sehe Deine Hände.
Meine Finger zittern. Ich könnte kein Wasser halten, wenn wir welches hätten.
            Du könntest. Ich weiß es.
Nein, es ist vorbei. Es verflösse zwischen meinen Fingern.
            Das Leben zerrinnt.
Wir können es nicht halten.
            Der Wind wird uns forttragen.
Wir werden fliegen.
            Zum Himmel empor, der jetzt schwarz ist.
Aber oben, ganz oben, da ist Licht.
            Das alte Licht?
Das alte.
            Das lebendige.
Jetzt, nach all dem Tod.
            Es wird scheinen.
Es wird strahlen.
            Wir werden leben.
Wir haben überlebt.
            Aber wir haben keinen Tee.
Wir haben kein Wasser.
            Die Hände zittrig.
Die Finger schwach.
            Die Augen stumpf und geblendet.
Lass mich deine Hand spüren.
           
Das Gewicht der Welt drückte uns nieder.
            Wie Gewürm.
Wie Streu.
            Wie Abfall.
Einfach so.
            Ganz plötzlich.
War es hell geworden.
            Blendend.
Brennheiß.
            Überwältigend.
Vertilgend.
            Verbrennend.
Vernichtend.
            Rasend.
Wahnsinnig.
            Tod.
Tod.
            Ich weiß nichts mehr.
Ich will nichts mehr wissen.
Ich kann nicht vergessen.
Der bohrende Schmerz, er frisst mich auf.
            Wenn ich nur tot wäre.
Ruhe.
            Dunkel.




Im Lauten leise zu reden
Unsinniges Hoffen
Ein Dennoch
Ein Doch
Zwei Blicke
Aber keine Stimme mehr
Kein Ohr
Zu vernehmen das nächste Wort

------------------------------------------------------------

Video "es war hell geworden" (Youtube 2011)

-------------------------------------------------------------

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen