Donnerstag, 31. Mai 2012

Georg Herweghs 195. Geburtstag

Georg Herwegh, 31. Mai 1817 in Stuttgart -7. April 1875 in Lichtental, war ein sozialistisch-revolutionärer deutscher Dichter des Vormärz und Übersetzer.

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Georg Herwegh

Literatur und Volk

Le peuple, c'est ma muse.
Béranger

Im Anfange schuf Gott die Freiheit.
Und als er die Freiheit geschaffen hatte, schuf er den Frühling.
Und als er den Frühling geschaffen hatte, schuf er den Dichter.
Den Frühling hatte er der Erde geschenkt als das heiligste Symbol seines Erstgebornen. Das himmlische Auge des Lenzes sollte den Menschen liebend ermahnen, wie er treulos ihrer vergäße.
Und der Herr sprach zur Freiheit:
Du bist die nächste an meinem Throne und sollst teilhaben an meinem unsterblichen Teil; du sollst nicht vergehen, ehe denn ich selber vergehe. Aber du mußt wandeln hinfüro unter den Menschen und mußt wachen und schlafen, hungern und dürsten, lieben und hassen wie sie. Du wirst dein Brot betteln vor den Türen, und sie werden den Stein dir verweigern, da du dein Haupt hinlegest; sie werden Ketten und Banden, aber, so wahr ich der Herr bin, nimmermehr ein Grab für dich haben.
Du wirst fliehen müssen zu Löwen und Tigern, hinaus in den Sand der Wüste; du wirst bergen müssen dein Antlitz in der Nacht der Höhlen und Klüfte! sie werden am Abende fragen: wo ist sie hin, die Herrliche? Lasset uns retten die Jungfrau aus den Händen der Ungläubigen! Und mit dem Morgensterne werden sie dein nicht mehr gedenken.
Darum habe ich dir einen Bruder zugegeben, der Botschaft trage umher in der Welt; wenn du hungerst oder dürstest, wenn du gefangen bist und in Ketten schmachtest.
Und er rief dem Frühlinge:
Gehe hin, und löse die Bande der Wasser, daß sie jauchzen durch die Täler der Erde und donnernd schlagen an die tauben Ohren dieses Geschlechtes.
Spanne aus deine Fittiche und reinige mir mein Haus von den dunkeln Wolken des Winters, daß sie meine Sterne sehen und wandeln wie die Kinder des Himmels.
Bringe her deine Düfte von Ost und West, von Nord und Süd, und berausche ihr nüchternes Herz, daß sie sich erheben, zu erlösen mein Kind, das gefangen sitzt im Turme des Tyrannen!
Spreite deinen Teppich unter die Füße der Sterblichen, daß sie an der Blume lernen, wie man sein Haupt wiegt, frei in freier Luft.
Und der Herr wandte sich gegen den Aufgang:
Höre mich, du Kind der Sonne; höre mich, du Sohn der Wüste! Habe ich Bande angelegt deinen Rennern oder Bande den Wipfeln deiner Zedern? Tritt über die Schwelle deiner Hütte, und sitze in den Schatten dieser blühenden Palmen! Habe ich nicht ihrer jegliche gekrönt, und sind sie nicht allzumal Fürsten? So auch ihr – jeder von euch ist ein König, und keiner spreche zu seinem Bruder: Neige dich nieder vor mir in den Staub, daß ich meinen Fuß setze auf deinen Nacken, denn der Herr hat mich bestellet zum Herrschen über dich und deine Kinder und die Kinder deiner Kinder!
Und der Herr wandte sich gegen Mittag:
Höret mich an, ihr Bewohner der Gestade des Meeres! Verlaßt eure Höhlen des Grausens, und badet euch im warmen Strahl meiner verjüngten Sonne! Ich habe das Schilfrohr gepflanzet an eure Ufer und seine grünen Augen erschlossen, daß es ein Spiegel sei eurem Herzen und ein Zeichen sei euern Lippen! Wie rauscht es so frisch und fröhlich dahin! Birgt es sich auch vor mir in die Nacht der Einöden, und bin ich doch größer als der Größten einer von euern Drängern und Zwingherren!
Und es wandte sich der Herr weiter gegen Mitternacht:
Hervor aus deinen Hütten, du Sohn des Frostes! Mein Hauch hat zertaut den Schnee deiner Berge, und mein Speer hat zertrümmert den Harnisch des Eises! Im lauen Äther schwankt wieder der Birke zartes Laub und flüstert dir zu: Schaue mich an – auch du sollst teilhaben an der Herrlichkeit der Welt!
Da verhüllte Gott sein Haupt und kehrte sein Antlitz gegen Abend.
Söhne des Westens, Söhne Germaniens! Ich habe eure Erde vom Schlummer erweckt und den stillen Bächen ihre Sprache wiedergegeben. Ich habe Blumen keimen lassen am Strand eurer Flüsse, daß eure Jungfrauen herunterkommen mögen ins Tal und sich Kränze winden um die reinen Schläfen. Wo sind sie, die da singen und spielen und Reigen tanzen, daß ich das Land vom Tode befreit? Ha! wie sie donnern, die Wasser von euren Bergen, und wie es zaget, das Herz in eurer Brust!
Nicht also! Wenn blutig meine Sonne untergeht hinter den Säulen meines Himmels und ihr letztes Licht erblassend sich wiegt auf dem dunkeln Laube deiner Eichen, wenn die düstern Zweige ihr Totenlied rauschen dem sinkenden Tage, dann denket, daß ich es bin, der hinschreitet über die Gipfel eurer Haine und euch zuruft:
Ich bin der Herr; ihr sollt keinen andern Herrn haben außer mir:
Aber die Freiheit war umsonst geschaffen worden; umsonst hatte der Frühling seine Blumenaugen aufgeschlagen. Nur selten erhob sich noch ein junger Arm für die Erstgeborne des Himmels, nur selten schlug noch ein junges Herz für deren heiligstes Symbol. Wohl kehrte der Lenz wieder alle neun Monden, wohl lösten sich noch alljährlich die starren Wasser, wohl schüttelten noch im Abendrot die Eichen ihre schwarzen Häupter, wohl jauchzten noch in die sommerwarmen Lüfte die Palmen des Ostens – aber achl sie hatten ihren göttlichen Sinn verloren, und ihre Deutung hatte man vergessen.
An den brausenden Strömen hingen Gefangene ihre Harfen auf, und unter den duftenden Palmen wischten Sklaven sich den Schweiß von der heißgesengten Stirne. Aus den Hirtenstäben waren Zepter geworden, und keine Kränze von weichen Blumen schmückten mehr die Scheitel der Sterblichen, sondern sie trugen Kränze, geschmiedet von den bösen Geistern der Tiefen, und man nannte dieselbigen Kronen.
Freiheit und Frühling waren unverstanden auf Erden da erbarmte sich der Herr seines Volkes und sandte ihm Sänger und Dichter, es zu trösten und aus der Natur ihm zu lesen den Willen des Allmächtigen. Bis die Freiheit wieder in die Welt käme, sollte die Poesie ihre Stelle vertreten. Während der Übermut der Gewaltigen selbst nach den Sternen des Himmels die verbrecherischen Hände ausstreckte, nagte der Mann der Hütte an der harten Rinde seines Brotes.
Tränen waren sein Salz, und sein Honig sollte die Poesie sein.
Ich habe nur Menschen geschaffen, rief der Herr, und das Geschlecht des Niedrigsten ist so alt wie das des Höchsten! Wenn mein Bauer müde heimkehrt am Abend zum häuslichen Herde, so soll er ein Lied haben und wissen, daß auch er von fürstlichem Stamme; wenn ihm das Joch zu schwer wird auf seinem Halse, so soll er einen Sang vernehmen, der ihn fortreißt in die Männerschlacht und ihm den Dolch zwingt in die freie Hand. Und er erweckte sofort eine Nachtigall auf den sieben Inseln, und die Nachtigall hieß Homer. Da aber die Nachtigallen am schönsten singen, wenn sie blind sind, so war auch der erste Dichter des Volkes blind.
Nicht mehr im blumigen Grase, auf dem Purpur der Könige knieten die Dichter, nicht mehr von den Lilien des Feldes, von den Lilien in den Wappenschildern der Großen sangen sie; es gab nur noch eine Poesie des Palastes, keine Poesie der Hütte mehr. Auch die Armut und das Elend wollte seinen Dichter und seinen – Rächer haben, und der Herr erweckte eine neue Nachtigall, jene »Nachtigall mit der Adlersklaue«, und taufte sie Béranger. Die Nachtigallen aber kennen nur den Klang ihres Liedes, und so kennt auch der zweite Dichter des Volkes keinen andern.
Mein Märchen ist aus; ich will es morgen deuten. Von einer dritten Nachtigall habe ich noch nichts erfahren.
Wir leben zugleich in einer doppelten Atmosphäre, in einer sinnlichen und in einer übersinnlichen. Der Umfang, die Ausdehnung beider sind dieselben, und ihre Grenze ist die Grenze des Alls. Die übersinnliche entspricht der sinnlichen bis ins einzelne; sie ist überall vorhanden, aber an den verschiedenen Orten in verschiedenen Gestalten. Sie hat ihren blauen Himmel und ihren trüben Dunst, sie ist gewitterschwül und frostig, niederdrückend und luftig, sie hat ihre Meteore wie die sinnliche. Noch war kein Land der Welt so unglücklich, daß ihm dieses übersinnliche Fluidum gemangelt hätte, in dem die Geister leben und atmen. Wie jede menschliche Brust die irdische Luft einsaugt, so ist auch jedermann eingeladen, die himmlische, geistige einzuatmen. Vor großen Verkehr der Geister ist niemand ausgeschlossen, und der Geringste wie der Höchste nimmt Anteil an demselben der eine unmittelbareren, der andere mittelbareren.
So wurde denn auch die Literatur, das Gedankenarchiv der bevorzugten Geister, von jeher als das Eigentum des Volkes betrachtet, als das ewige Kapital, von dem die ganze Mit- und Nachwelt zehren dürfe. Nicht für diese, nicht f, jene Klasse, für alles, was denken konnte, war von Anbeginn gedacht und gesungen worden. Dichter waren die frühesten Erzieher des Menschengeschlechts, nach ihnen kam die Philosophen. Nur die letztern bedurften Mittelspersonen und Unterhändler: die Dichter wandten sich geradezu die Nation und wurden verstanden.
Dieses allgemeine Verständnis nahm im Laufe der Zeit immer mehr ab; es wurde eingeschränkter, in je reicheren Gestaltungen der Weltgeist auf Erden sich offenbarte. Wo einst ein Sänger und Dichter von Millionen begriffen wurde, da werden jetzt oft zehn Dichter nicht von tausend Menschen begriffen. Deren, die schreiben, sind beinahe mehr als der die lesen. Es gibt in der modernen Welt mehr einzelne über die Masse sich erhebende Talente, dafür aber bei weit weniger durchschnittliche Bildung.
Je vielseitiger und tiefer unsere Literatur geworden desto mehr wurde sie dem Volk im eigentlichen Sinne, den unteren Kreisen der Nation, entfremdet.
Bei den Alten war die Poesie eine ewige Hymne auf Freiheit, bei uns ist sie ein Ersatz für dieselbe, ein Trost ihren Verlust. Der Jubel hat nur eine, allen verständliche Sprache, das Elend braucht tausenderlei Ausdrücke und Wen- dungen. Die Alten hatten ein ganzes, gesundes Herz, haben lauter gebrochene Herzen. Das Christentum hat auf die Freimachung des innern Menschen angewiesen, damit einst unsere Befreiung nach außen mehr Erfüllung und Gehalt habe. Der ungläubige Heide ließ sich keinen Schein für die Zukunft ausstellen, sondern wollte immer und in jedem Augenblicke jedem andern gegenüber der freie Mann sein. Freiheit war die Parole der alten Völker, Freiheit das Panier, unter dem sich alle versammelten; Freiheit und Nationalität waren Worte, die jedes griechische Herz, die jeder griechische Kopf begriff. Das Raffinement unserer Gefühle war den Alten unbekannt; bei ihnen gab es für alle immer eine Freude, einen Schmerz, eine Leidenschaft; bei uns hat jeder seine absonderlichen Privatschmerzen und Privatleidenschaften. Jeder ist sich selbst der Nächste geworden, und er singt nur, was ihm behagt, was ihn quält, und fragt nicht darnach, ob er damit auch eine Saite am Herzen seines Volkes berühre.
Ob wir mit so tiefsinniger Versenkung in uns selbst gewonnen oder verloren, wer will entscheiden? Glücklicher, glaube ich, sind wir nicht geworden.
Zu diesem Mangel an einem großartigen nationalen Interesse, zu diesem innern Unterschiede antiken und modernen Lebens, der Dichter und Volk so streng auseinanderhält, kommt noch ein äußerer Grund, welcher den unmittelbaren Einfluß der Literatur auf die Nation erschwert.
Bekanntlich wurde erst zur Zeit Herodots der Gebrauch des Wortes »Dichter« allgemeiner. Bis dahin hatte man nur von Sängern gewußt und damit ausgedrückt, daß die Poesie eigentlich gehört, nicht gelesen werden solle. Während bei unserer schlechten Bühnenverfassung selbst die besten Werke dramatischer Kunst nur zu Hause im stillen Kabinette gelesen werden, war bei den Griechen dies nicht einmal mit den epischen Dichtern der Fall. Auch Herodot trug seine Geschichte dem versammelten Volke vor.
Man hat schon gesagt, die Unpopularität der heutigen Dichter sei ein Beweis für deren größere Tiefe und Schönheit. Allein gibt es ein wundervoll tieferes Buch als die Bibel? Singt die Nachtigall der sieben Inseln, Homer, nicht so schön, als nur je blinde Nachtigallen gesungen haben? Und Béranger, die »Nachtigall mit der Adlersklaue« wer übertrifft sie am unsterblichsten Humor?
Wir wollen sie nicht zurückwünschen, die alten Zeiten; wir wollen nicht verkennen, welch ungeheurer Fortschritt auch in den scheinbaren Gebrechen der unsrigen sich offenbart; wissen wir doch, daß die Befreiung des innern Menschen uns einst die äußere Freiheit um so sicherer garantiert. Aber jener bärtige Grenadier, den ich in einem deutschen Theater sprach hatte nicht so unrecht, wenn er sagte, der Spektakel aber tauge nichts, so viele Kronen bringen sie doch nie zusammen, als er in Dresden beieinander gesehen. Gewiß ein leiser unbewußter Vorwurf gegen unsere Geistesaristokratie. Die Poesie der Hütte, die eben in Béranger einen so beredter Anwalt gefunden, wird von unsern deutschen Dichtern völlig vernachlässigt. Es ist viel Großes, Herrliches geschrieben worden in unserm Jahrhundert, eine Menge bedeutender sozialer Fragen wurde in der jüngsten Zeit in poetischer Weise von den tüchtigsten Geistern erledigt, man kann sich nur freuen über die schaffenslustige Regsamkeit in der neuester literarischen Epoche – aber man betrachte einmal der Reihe nach die Stoffe, welche die verschiedenen Dichter sich zur Behandlung gewählt haben, wird das Verständnis derselben sich über die Mittelklasse der Nation hinaus erstrecken? Wieviel setzen nicht die schönen Romane, Blasedow und Münchhausen, voraus! Immer das Beste ist in einer Art abgefasst, daß nur der Literat zur vollkommenen Erkenntnis desselben durchdringen kann. Von Uhland ist allerdings manche! volkstümlich geworden – was wollen aber selbst zwölf Auflagen bedeuten, wenn man bedenkt, daß keine stärker war als tausend Exemplare?
Dichter, die jeder Stufe der Bildung zugänglich sind, besitzen wir zurzeit noch keine. – Ich bin nicht so einfältig zu verlangen, daß der »Musenalmanach« z. B. in Zukunft so eingerichtet sein sollte, daß sein Verständnis gar keine Bildung erforderte ich halte einzig für wünschenswert, daß die guter Schriftsteller zuweilen auch in einer Weise schreiben, die nicht einer jahrelangen Vermittlung bedarf, bis die Quintessenz des geistigen Gehaltes unter das Volk kömmt. Das Volk der Hütte hat so gut seine Poesie als der Faulenzer im Palaste, so gut seine geheimen Schmerzen und Freuden als die Leute, welche sich zu den Gebildeten zählen. Da wird immer von Heranbildung der Nation gesprochen – wie ist aber eine solche möglich, wenn unsere großen Geister es verschmähen, sich zu ihr herabzulassen, und ihre Puppen immer aus der vornehmen Sphäre entlehnen. Das Volk hat für echte Poesie immer einen glücklichen Sinn; man versuche nur, ihm direkt gegenüberzutreten, sich direkt an die Massen zu wenden, im Volksliede, im nationalen Drama. Es ist freilich auch der strengste Richtet und wird sich nie von abgestandenen Ideen betören lassen, an welche die Menschheit den Glauben verloren hat.

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 Anmerkung:

Der Satz "Dichter, die jeder Stufe der Bildung zugänglich sind, besitzen wir zurzeit noch keine. – Ich bin nicht so einfältig zu verlangen, daß der »Musenalmanach« z. B. in Zukunft so eingerichtet sein sollte, daß sein Verständnis gar keine Bildung erforderte ich halte einzig für wünschenswert, daß die guter Schriftsteller zuweilen auch in einer Weise schreiben, die nicht einer jahrelangen Vermittlung bedarf, bis die Quintessenz des geistigen Gehaltes unter das Volk kömmt." liest sich wie ein Programm einer Literaturpolitik. Nicht zufällig deckt sie sich mit Bemühungen der Kommunisten bzw. des sozalistischen Realismus. 

Sie zeigt ein generelles Problem auf. Wenn Ungebildete erreicht werden sollen, funktioniert das nur auf Kosten der Bildung, der kruden Simplifizierung als Popularisierung. Das ist heute geltende Übung. Haben die Massen dabei etwas gerlernt? Hat sich ihr Bildungsniveau, ihr Bewusstseinsstand erhöht? Kaum. Anstatt die Un- oder Halbbildung zum Ziel und Maßstab zu machen, sollten Bemühungen unternommen werden, die Bildung zu heben.

Um die Drastigkeit solcher Überlegungen sich vor Augen zu führen nehme man das Beispiel der Naturwissenschaften: hier gilt nicht Ethnie, Gender oder Religion, nicht Gesinnung oder Sympathie. Hier taugen auch keine überholten Theorien oder falsche im Vergleich zu den "richtigen", denen, die nach dem jüngsten Stand sich als "stimmig" erweisen. Ihre Rückweisung ist nur durch neue Theorien, die "besser" sind, möglich. Sonst durch nichts. Der Wettstreit findet innerhalb des gesetzten Rahmens statt und immer nach dem letzten Stand des "state of art". 

In den Kulturen und im Bildungsbereich meint man "sozial" zu sein, wenn man den Ungebildeten entgegenkommt. Aber Unbildung ist kein naturbedingter Zustand, sondern ein veränderbarer. Die Veränderung wird durch falsches Entgegenkommen nicht geleistet. Das heißt andererseits nicht, dass man nicht populär vermitteln oder kommunizieren soll. Aber jede Vereinfachung oder Popularisierung muss ihre Grenzen kennen und darf nicht täuschen. Sonst lügt sie. Und schadet. 






Georg Herwegh
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
1863


You are many, they are few.
(Eurer sind viele, ihrer sind wenige.)


Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not -
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.

Und du ackerst, und du säst,
Und du nietest, und du nähst,
Und du, hämmerst, und du spinnst -
Sag, o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn -

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?

Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt - o Volk. das ist dein Lohn.

Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht,
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst - ins bunte Tuch.

Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat's für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!






Die Zukunftsparole: "Wir haben lang genug geliebt, und wollen endlich hassen!" Lange vor den Hass-Minuten des Großen Bruders, abervlangt von den Untertanen in Ozeanien in Orwells "1984", lange for den hate-speech-Attacken und der realen Hasspolitik ein Hassaufruf als Befreiungsschlag:

Georg Herwegh, 1841

Das Lied vom Hasse


Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß
Dem Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuß,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!

Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Haß, dein jüngst Gericht,
Brich du, o Haß, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die laßt uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!

Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«

Bekämpfet sie ohn' Unterlaß,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Haß ,
Als unsre Liebe, werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!



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Der Hass hat sich eingesetellt und gewütet. Hat er geholfen? Wem und wie? 










Karl Kraus
Die Fackel

NR. 472/473     25. OKTOBER 1917     XIX. JAHR

Die deutsche Schuldfrage

                        Nichts ist schwerer zu erraten:
                        Haben deutsche Diplomaten
                        erst das Volk durch ihre Taten
                        auf dem Hassesherd gebraten?
                        Oder – wer zerteilt die Wolke –
                        schulden sie den Haß dem Volke?


Mittwoch, 30. Mai 2012

Peter von Matt - «Das Kalb vor der Gotthardpost»

"Das Kalb vor der Gotthardpost" von Peter von Matt
Augsteins Auslese: Die Schweizer Politik ist vielen in Deutschland ein Mysterium. Eine Wissens-Lücke, die das Buch des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt aber perfekt schließt. Franziska Augstein stellt "Das Kalb vor der Gotthardpost" vor.
Videokanal der Süddeutschen auf Youtube:



Zum Anhören 2 Podcasts von DRS:

Peter von Matt - «Das Kalb vor der Gotthardpost»
Tagesgespräch vom Montag, 6.2.2012, 13.00 Uhr, DRS 1 und DRS 4 News

Peter von Matt, Autor und Literaturwissenschaftler
DRS 4 Talk vom Freitag, 6.4.2012, 10.03 Uhr, DRS Podcast



Einige Rezensionen aus den Zeitungen:

Gesprengte Idylle
Peter von Matts neues Buch über die «tintenblauen Eidgenossen»
Manfred Koch, Neue Zürcher Zeitung, 16.5.2012

Der Temporausch der neuen Zeit nährt Sehnsucht nach dem Idyll
Guido Kalberer, Tagesanzeiger, 11.2.2012

«Er schreibt deutsch, nicht germanistisch»
Peter von Matt wird 75. Eine kleine Hommage, garniert mit Erinnerungen von Weggefährten und Bewunderern.
Linus Schöpfer, Tagesanzeiger, 16.5.2012

«Das Kalb vor der Gotthardpost»
Kein Schweizer Sonderfall, nur eine Sonderfantasie
Jo Lang, WOZ, 9/2012, 1.3.2012

Peter von Matt: „Das Kalb vor der Gotthardpost“ 
Die Angst des Kälbchens vor der Kutsche
Ein Fremdenführer durch das Gebirgsmassiv der kollektiven Erinnerung: Peter von Matt zeigt uns in seinem neuen Essayband zerklüftete Bergwelten und schweizerische Seelenlandschaften.
Hubert Spiegel, FAZ, 18.5.2012


Peter von Matt
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Josef Burgs 100. Geburtstag

Josef Burg,  30. Mai 1912 in Wischnitz (Bukowina, Österreich-Ungarn) - 10. August 2009 in Czernowitz (Ukraine), war ein Schriftsteller jiddischer Muttersprache. Er verfasste Erzählungen, Skizzen und Kurzgeschichten.

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"Ich bin ein Bukowiner" - Zum 100. Geburtstag von Josef Burg.
Gestaltung: Judith Fürst

"Ich bin weder Österreicher, noch Rumäne, noch Sowjet oder Russe, ich bin Bukowiner ...", so stellte sich einmal der Dichter Josef Burg vor. Seine erste Sprache freilich war das Jiddische, in der er auch geschrieben hat.

Vor 100 Jahren wurde Josef Burg in der Stadt Czernowitz geboren. Heute liegt sie in der Ukraine, gehörte allerdings im Laufe ihrer Geschichte zu Österreich, Rumänien und zur Sowjetunion. Mit 17.000 jüdischen Einwohnern galt die Stadt als wichtiges Zentrum des europäischen Judentums und war gleichzeitig geprägt von verschiedensten Kulturen: Ukrainer, Polen, Roma und Bukowinadeutsche lebten hier und inspirierten die jiddische Welt des Josef Burg.
Ö1, 26.5.2012

Ein Dichterleben Es gibt keinen Hass. Es ist ein Wunder.
Josef Burg ist der letzte jiddische Dichter in Czernowitz, das heute in der Ukraine liegt und einst eine Weltstadt für jüdische Autoren war. Besuch bei einem Dichter, dessen Sprache fast verschwunden ist.
Johanna Adorján, Czernowitz, FAZ 18.12.2008

In Memoriam Josef Burg
Uwe von Seltmann, 2009





Sonntag, 27. Mai 2012

Neues Dramatikerstipendium des Landes NÖ


Medieninformation

Peter Turrini – DramatikerInnenstipendium des Landes Niederösterreich

Ab dem Jahr 2012 wird das Peter Turrini – DramatikerInnenstipendium des Landes Niederösterreich vergeben werden. Dieses Arbeitsstipendium soll den niederösterreichischen Autorinnen und Autoren nicht nur die Möglichkeit bieten, sich ein Jahr der Fertigstellung eines dramatischen Werkes zu widmen, sondern vor allem auch die Möglichkeit einer Präsentation des Stückes nach Ablauf des Stipendiums.

Das Land Niederösterreich verfolgt wie in allen anderen künstlerischen Genres auch im Bereich der Literatur eine aktive Förderpolitik. Neben zahlreichen bereits bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten für Autorinnen, Autoren und Literaturveranstaltern sowie den Anerkennungspreisen  und Würdigungspreisen für Literatur, die bereits etablierte KünstlerInnen auszeichnen,  wurde die Förderung der jungen literarischen Talente  bereits 1991 mit der Einführung des Hans Weigel – Nachwuchsstipendiums des Landes NÖ und der Etablierung der Literaturedition Niederösterreich  intensiviert.

Nun soll mit einem neu ins Leben gerufenen Peter Turrini - DramatikerInnenstipendium ein weiterer Schwerpunkt in der niederösterreichischen  Literaturszene gesetzt werden.

Ein besonderes Anliegen ist dem Land Niederösterreich dabei, dass das Stück nach Fertigstellung die Möglichkeit einer professionellen Präsentation bekommt.
Daher wird in Kooperation mit dem Landestheater Niederösterreich und dessen neuer Intendantin Bettina Hering das durch Unterstützung des Stipendiums entstandene Stück auf dieser Bühne der Öffentlichkeit vorgestellt.

Benannt wird das Stipendium nach einem der bedeutendsten zeitgenössischen Theaterautoren des deutschsprachigen Raumes Peter Turrini, der in Niederösterreich seit vielen Jahren seine Heimat gefunden hat und von hier aus  seine künstlerisch – literarische Strahlkraft weltweit stets aufs Neue unter Beweis stellt. Gerade aufgrund seiner langjährigen Erfahrung weiß er am besten, wie wichtig eine aktive und permanente Unterstützung für TheaterautorInnen ist, daher hat er sich bereit erklärt, die Schirmherrschaft über dieses neue Stipendium zu übernehmen und das Projekt beratend zu begleiten.

Das Stipendium wird jährlich vergeben. Die Laufzeit beträgt ein Jahr (Dezember 2012 bis November 2013) mit einer gesamten Dotierung von 12.000 Euro. Die Auszahlung erfolgt monatlich jeweils zu 1.000 Euro. Die Einreichfrist läuft von 1. Juni bis 30. September 2012.

Gleichzeitig wird das bereits bestehende literarische Nachwuchsstipendium des Landes Niederösterreich, das Hans Weigel – Literaturstipendium, von 2x 6.450 Euro auf 2x 12.000 Euro, also insgesamt 24.000 Euro erhöht.

Nähere Informationen unter www.literaturstipendien-noe.at
Mag. Gabriele Ecker, Abt. Kunst und Kultur

Presserückfragen:
Mag. Alexandre Tischer, Abt. Kunst und Kultur
02742 / 9005 / 13006, alex.tischer@noel.gv.at



Andrej Bitows 75. Geburtstag


Andrei Georgijewitsch Bitow (geboren am 27. Mai 1937 in Leningrad) ist ein bedeutender sowjetisch-russischer Schriftsteller der Postmoderne.

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Joseph Roths 73. Todestag

Moses Joseph Roth, 2. September 1894 in Brody, Österreich-Ungarn - 27. Mai 1939 in Paris, war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist.

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Abbildung aus Wikipedia


Joseph Roth

Auf der Wolga bis Astrachan 
(Aus: Reise in Rußland)

Frankfurter Zeitung, 5. 10. 1926
Der Wolga-Dampfer, der von Nishnij-Nowgorod nach Astrachan geht, liegt weiß und festlich im Hafen. Er erinnert an einen Sonntag. Ein Mann schüttelt eine kleine, unerwartet starke Glocke. Die Lastträger laufen, nur mit Trikothosen und einem Tragleder bekleidet, durch die hölzerne Halle. Sie sehen aus wie Ringer. Vor dem Kassenschalter stehen Hunderte. Es ist die zehnte Stunde eines hellen Vormittags. Ein fröhlicher Wind weht. Es ist hier wie bei der Ankunft eines neuen Zirkus außerhalb der Stadt.

Der Wolga-Dampfer trägt den Namen eines berühmten russischen Revolutionärs und hat vier Klassen für Passagiere. In der ersten fahren die neuen Bürger Rußlands, die Nep-Männer, dem Sommerurlaub entgegen, in den Kaukasus und in die Krim. Sie essen im Speisesaal, im spärlichen Schatten einer Palme, gegenüber dem Porträt des berühmten Revolutionärs. Es ist über der Tür mit Nägeln befestigt. Die jungen Bürgerstöchter spielen auf dem harten Klavier. Es klingt wie das Anschlagen metallener Löffel an Teegläser. Die Väter spielen Sechsundsechzig und klagen über die Regierung. Einige Mütter haben eine deutliche Vorliebe für orangefarbene Schals. Der Kellner ist keineswegs klassenbewußt. Als die Dampfer noch nach den Großfürsten hießen, war er schon Kellner. Ein Trinkgeld bringt in sein Angesicht jenen Ausdruck unterwürfigen Respekts, der die ganze Revolution vergessen läßt.

Die vierte Klasse befindet sich tief unten. Ihre Passagiere schleppen schwere Bündel, billige Körbe, Musikinstrumente und ländliche Geräte. Alle Nationen, die an der Wolga und weiter, in der Steppe und im Kaukasus, wohnen, sind hier vertreten: Tschuwaschen, Tschuwanen, Zigeuner, Juden, Deutsche, Polen, Russen, Kasacken, Kirgisen. Es gibt hier Katholiken, Orthodoxe, Mohammedaner, Lamaisten, Heiden, Protestanten. Hier sind Greise, Väter, Mütter, Mädchen, Kinder. Hier sind kleine Landarbeiter, arme Handwerker, wandernde Musikanten, blinde Korsaren, fliegende Händler, halbwüchsige Schuhputzer und die obdachlosen Kinder, die »Bezprizorni«, die von der Luft und vom Unglück leben. Die Menschen schlafen in hölzernen Schubläden, in zwei Etagen übereinander. Sie essen Kürbisse, suchen nach Ungeziefer auf den Köpfen der Kinder, stillen Säuglinge, waschen Windeln, kochen Tee und spielen Balalaika und Mundharmonika.

Am Tage ist dieser enge Raum beschämend, laut und unwürdig. In der Nacht aber weht eine Andacht durch ihn. So heilig sieht die schlafende Armut aus. Auf allen Gesichtern liegt das echte Pathos der Naivität. Alle Gesichter sind wie offene Tore, durch die man in weiße, klare Seelen sieht. Verwirrte Hände wollen die schmerzenden Lampen vertreiben wie zudringliche Fliegen. Männer bergen ihre Köpfe in den Haaren der Frauen, Bauern umklammern die heiligen Sensen, Kinder ihre schäbigen Puppen. Die Lampen schaukeln im Takt der stampfenden Maschinen. Rotbackige Mädchen entblößen lächelnd ihr offenes, weißes, starkes Gebiß. Ein großer Friede ist über der armen Welt, und als ein durchaus pazifistisches Wesen erweist sich der Mensch, solange er schläft.

Auf eine so billig symbolische Weise: oben und unten – sind reich und arm auf dem Wolga-Dampfer nicht getrennt. Unter den Passagieren der vierten Klasse sind reiche Bauern, unter den Passagieren der ersten nicht immer reiche Händler. Der russische Bauer fährt lieber in der vierten. Sie ist nicht nur billiger. Der Bauer ist in ihr auch heimischer. Die Revolution hat ihn von der Demut gegenüber dem »Herrn« befreit, aber noch lange nicht von der Demut gegenüber dem Objekt. In einem Restaurant, in dem ein schlechtes Klavier steht, kann der Bauer seinen Kürbis nicht mit Appetit essen. Ein paar Monate lang fuhren alle in allen Klassen. Dann schieden sie sich, beinahe freiwillig.

»Sehen Sie«, sagte mir ein Amerikaner auf dem Schiff, »was hat die Revolution erreicht? Die armen Leute drängen sich unten und die reichen spielen Sechsundsechzig!«

»Das ist aber auch die einzige Tätigkeit«, sagte ich, »der sie sich ohne Sorgen hingeben können! Der ärmste Schuhputzer in der vierten Klasse hat heute das Bewußtsein, daß er zu uns heraufkommen könnte, wenn er nur wollte. Die reichen Nepleute fürchten aber, daß er jeden Augenblick kommen würde. ›Oben‹ und ›unten‹ sind auf unserem Dampfer längst nicht mehr symbolische, sie sind rein sachliche Bestimmungen. Vielleicht werden sie einmal wieder symbolisch sein.«

»Sie werden es wieder sein«, sagte der Amerikaner.

Der Himmel über der Wolga ist nah und flach und mit unbeweglichen Wolken bemalt. Zu beiden Seiten, hinter den Ufern, sieht man in weiten Fernen jeden emporragenden Baum, jeden aufsteigenden Vogel, jedes weidende Tier. Ein Wald wirkt hier wie ein künstliches Gebilde. Alles hat die Tendenz sich auszubreiten und zu zerstreuen. Dörfer, Städte und Völker sind weit voneinander entfernt. Gehöfte, Hütten, Zelte wandernder Menschen stehen da, umgeben von Einsamkeit. Die vielen verschiedenen Stämme vermischen sich nicht. Auch wer sich festgesetzt hat, bleibt sein Leben lang auf der Wanderung. Diese Erde gibt das Gefühl der Freiheit, wie bei uns nur das Wasser und die Luft. Hier würden auch die Vögel nicht fliegen wollen, wenn sie wandern könnten. Der Mensch aber streicht über das Land wie über einen Himmel, beschwingt und ohne Ziel, ein Vogel der Erde.

Der Fluß ist wie das Land: breit, unendlich lang (von Nishnij-Nowgorod bis Astrachan sind es mehr als zweitausend Kilometer) und sehr langsam. An seinen Ufern erwachsen erst spät die »Wolga-Hügel«, niedrige Würfel. Ihr nacktes felsiges Innere haben sie dem Fluß zugekehrt. Sie sind nur der Abwechslung wegen da, eine spielerische Viertelstunde Gottes hat sie geschaffen. Hinter ihnen dehnt sich wieder die Fläche, vor der die Horizonte zurückweichen, immer weiter, bis hinter die Steppe.

Ihren großen Atem schickt sie über die Hügel, über den Fluß. Man schmeckt die Bitternis der Unendlichkeit. Im Anblick der großen Berge und der uferlosen Meere fühlt man sich verloren und bedroht. Gegenüber der weiten Ebene ist der Mensch verloren, aber getröstet. Er ist nichts mehr als ein Halm, aber er wird nicht untergehen: Man ist wie ein Kind, das in der ersten Stunde eines Sommermorgens erwacht, wenn alle noch schlafen. Man ist verloren und geborgen zugleich in der unbegrenzten Stille. Wenn eine Fliege summt, ein gedämpfter Pendelschlag tönt, liegt in diesen Geräuschen dieselbe tröstliche, weil überirdische und zeitlose Trauer einer weiten Ebene.

Wir halten vor Dörfern, deren Häuser aus Holz sind und aus Lehm, mit Schindeln und mit Stroh gedeckt. Manchmal ruht die breite mütterliche gute Kuppel einer Kirche in der Mitte der Hütten, ihrer Kinder. Manchmal steht die Kirche an der Tête einer langen Hütten-Zeile und hat auf der Kuppel einen feinen spitzen langen Turm aufgepflanzt, wie ein vierkantiges französisches Bajonett. Es ist eine bewaffnete Kirche. Sie führt ein wanderndes Dorf an.

Kasan bleibt vor uns stehen, die Hauptstadt der Tataren. Ihre bunten Verkaufszelte lärmen am Ufer. Mit offenen Fenstern grüßt sie wie mit gläsernen Fahnen. Man hört das Getrappel ihrer Droschken. Man sieht das grüne und goldene abendliche Glänzen ihrer Kuppeln.

Eine Landstraße führt vom Hafen nach Kasan. Die Straße ist ein Fluß, es hat gestern geregnet. In der Stadt plätschern stille Teiche. Überreste eines Pflasters ragen selten in die Höhe. Die Straßentafeln und die Ladenschilder sind vom Kot bespritzt und unleserlich. Sie sind übrigens doppelt unleserlich, weil zum Teil in alter türkisch-tatarischer Schrift abgefaßt. Deshalb sitzen die Tataren lieber selbst vor den Läden und zählen jedem ihre Waren auf. Sie sind kluge Händler, wie man berichtet. Sie tragen schwarze Pinsel am Kinn. Seit der Revolution hat bei ihnen die alte Volkssitte des Analphabetismus um 25 Prozent abgenommen, jetzt können viele lesen und schreiben. In den Buchhandlungen liegen tatarische Schriften, die Zeitungsjungen rufen tatarische Blätter aus. Tatarische Beamte sitzen hinter dem Postschalter. Ein Postbeamter erklärte mir, die Tataren wären das tapferste der Völker. »Sie sind aber mit Finnen gemischt« – sagte ich boshaft. Der Postbeamte war beleidigt.

Mit Ausnahme der Gastwirte und der Händler sind alle mit der Regierung zufrieden. Die tatarischen Bauern haben im Bürgerkrieg bald mit den Roten, bald mit den Weißen gekämpft. Sie wußten manchmal gar nicht, worum es ging. Heute sind alle Dörfer des Kasaner Gouvernements politisiert. Die Jugend ist in den Komsomol-Organisationen. Wie bei den meisten mohammedanischen Völkern Rußlands ist auch bei den Tataren die Religion mehr Übung als Glaube. Die Revolution hat eher eine Gewohnheit zerstört als ein Bedürfnis unterdrückt. Die armen Bauern sind hier zufrieden wie überall in den Wolga-Gouvernements. Die reichen Bauern, denen man viel genommen hat, sind unzufrieden wie überall, wie die Deutschen in Pokrowsk, wie die Bauern von Stalingrad und die von Saratow.

Die Dörfer an der Wolga – mit Ausnahme der deutschen – liefern übrigens der Partei die gläubigsten jugendlichen Anhänger. In den Wolgagebieten kommt der politische Enthusiasmus vom Lande häufiger als aus dem städtischen Proletariat. Viele Dörfer waren hier von der Kultur am weitesten entfernt. Die Tschuwaschen zum Beispiel sind heute noch heimliche »Heiden«. Sie beten Götzen an und opfern ihnen. Für den naiven Naturmenschen aus dem Wolga-Dorf ist Kommunismus – Zivilisation. Für den jungen Tschuwaschen ist die städtische Kaserne der Roten Armee ein Palast und der Palast – der ihm auch offen steht – ein siebenhundertster Himmel. Elektrizität, Zeitung, Radio, Buch, Tinte, Schreibmaschine, Kino, Theater – also alles, was uns so ermüdet, belebt und erneuert den primitiven Menschen. Alles hat »die Partei« gemacht. Sie hat nicht nur die großen Herren gestürzt, sie hat auch das Telephon erfunden und das Alphabet. Sie hat den Menschen gelehrt, auf sein Volk stolz zu sein, auf seine Kleinheit, seine Armut. Sie hat seine niedrige Vergangenheit in ein Verdienst gewandelt. Vor dem Ansturm so vieler Herrlichkeiten erliegt sein bäuerliches instinktives Mißtrauen. Sein bewußter kritischer Sinn ist noch lange nicht wach. So wird er ein Fanatiker des neuen Glaubens. Das »kollektivistische Gefühl«, das dem Bauern fehlt, ersetzt er doppelt und dreifach durch Ekstase.

Die Städte an der Wolga sind die traurigsten, die ich je gesehen habe. Sie erinnern an die zerstörten Städte des französischen Kriegsgebiets. Diese Häuser brannten im roten Bürgerkrieg; und dann sahen ihre Trümmer den weißen Hunger durch die Straßen galoppieren.

Hundertmal, tausendmal starben die Menschen. Sie aßen Katzen, Hunde, Raben, Ratten und die verhungerten Kinder. Sie bissen sich die Hände wund und tranken ihr eignes Blut. Sie kratzten in der Erde nach fetten Regenwürmern und nach weißem Kalk, den das Auge für Käse hielt. Zwei Stunden, nachdem sie gegessen hatten, starben sie unter Qualen. Daß diese Städte überhaupt noch leben! Daß die Menschen feilschen und Koffer tragen und Äpfel verkaufen, Kinder zeugen und gebären! Schon wächst eine Generation heran, die das Grauen nicht kennt, schon stehen Gerüste da, schon sind Zimmerleute und Maurer beschäftigt, das Neue aufzurichten.

Ich wundere mich nicht darüber, daß diese Städte so schön sind nur aus der Höhe und aus der Ferne; daß mir in Samara ein Ziegenbock den Eintritt in das Hotel verwehrte; daß in Stalingrad ein Platzregen in mein Zimmer niederging; daß die Servietten aus buntem Packpapier sind. Wenn man über die schönen Dächer spazieren könnte, statt über das bucklige Pflaster!

Man kann in allen Städten des Wolgagebiets mit den Menschen dieselben Erfahrungen machen: Überall sind die Händler unzufrieden, die Arbeiter optimistisch, aber müde, die Kellner respektvoll und unzuverlässig, die Portiers demütig, die Schuhputzer unterwürfig. Und überall ist die Jugend revolutionär, – auch die Hälfte der bürgerlichen Jugend ist in den Pionier- und Komsomol-Organisationen.

Übrigens richten sich die Menschen nach meiner Kleidung: Wenn ich die Stiefel anziehe und ohne Krawatte bin, wird das Leben plötzlich märchenhaft billig. Die Früchte kosten ein paar Kopeken, eine Droschkenfahrt einen halben Rubel, man hält mich für einen ausländischen politischen Flüchtling, der in Rußland lebt, sagt »Genosse« zu mir, die Kellner haben proletarisches Bewußtsein und erwarten kein Trinkgeld, die Schuhputzer sind mit 10 Kopeken zufrieden, die Händler sind mit der Lage zufrieden, im Postamt bitten mich die Bauern, ich möchte ihnen eine Adresse auf ihren Brief schreiben, »mit klarer Schrift«. Wie teuer aber ist die Welt, wenn ich eine Krawatte anziehe! Man sagt: »Grashdanin« (Bürger) zu mir und schüchtern auch: »Gospodin« (Herr). Die deutschen Bettler sagen: »Herr Landsmann«. Die Händler fangen an, über die Steuern zu klagen. Der Wagenbegleiter erwartet einen Rubel. Der Speisewagenkellner erzählt, daß er eine Handelsakademie absolviert habe und »eigentlich ein intelligenter Mensch« sei. Er beweist es, indem er zwanzig Kopeken aufschlägt. Ein Antisemit gesteht mir, daß bei der Revolution nur die Juden gewonnen hätten. »Sogar in Moskau« dürften sie schon leben. Ein Mann möchte mir imponieren. Er erzählt, daß er im Krieg Offizier und in Magdeburg gefangen war. Ein Nep-Mann droht mir: »Alles werden Sie bei uns nicht sehen können!«

Indessen scheint es mir, daß ich in Rußland genau so viel, genau so wenig sehen kann wie in anderen fremden Ländern. Ich bin in keinem Lande noch von fremden Menschen so selbstverständlich, so freimütig eingeladen worden. Ich kann in Ämter, Gerichte, Spitäler, Schulen, Kasernen, Arreste, Strafanstalten, zu Polizeidirektoren und Universitätsprofessoren gehen. Der Bürger kritisiert lauter und schärfer, als dem Fremden angenehm ist. Ich kann mit dem Soldaten und mit dem Regimentskommandanten der Roten Armee in jedem Gasthaus über Krieg, Pazifismus, Literatur und Bewaffnung sprechen. In anderen Ländern ist es gefährlicher. Die Geheimpolizei ist wahrscheinlich so geschickt, daß ich sie nicht bemerke.

Die berühmten Lastträger an der Wolga singen immer noch ihre berühmten Lieder. In den russischen Kabaretts des Westens werden die »Burlaki« bei violettem Scheinwerfer und gedämpftem Geigenklang dargestellt. Aber die wirklichen Burlaki sind trauriger, als ihre Darsteller ahnen können. Obwohl sie mit traditioneller Romantik so stark belastet sind, gleitet ihr Gesang tief und schmerzlich in die Zuhörer. Sie sind wahrscheinlich die stärksten Männer dieses Zeitalters. Jeder von ihnen kann zweihundertundvierzig Kilogramm auf dem Rücken tragen, hundert Kilogramm von der Erde heben, eine Nuß zwischen Zeige- und Mittelfinger zermalmen, ein Ruder auf zwei Fingern balancieren, drei Kürbisse in fünfundvierzig Minuten essen. Sie sehen aus wie bronzene Denkmäler, die man mit menschlicher Haut überspannt und mit einem Tragfell bekleidet hat. Sie verdienen verhältnismäßig viel, vier bis sechs Rubel durchschnittlich. Sie sind stark, gesund, sie leben am freien Fluß. Aber ich habe sie noch nicht lachen sehen. Sie werden nicht froh. Sie trinken Schnaps. Der Alkohol vernichtet diese Riesen. Seitdem die Wolga Frachten trägt, leben die stärksten Träger hier und alle trinken. Heute verkehren auf der Wolga mehr als 200 Dampfer mit etwa 85 000 Indikatorstärken, einer Gesamt-Tonnage von 50 000 Tonnen. – 1 190 Lastschiffe ohne Motorbetrieb mit einer Gesamt-Tonnage von beinahe zwei Millionen Tonnen. Aber die Lastarbeiter ersetzen immer noch die Kräne wie vor zweihundert Jahren.

Ihr Gesang kommt nicht aus den Kehlen, sondern aus den unbekannten tiefen Winkeln des Herzens, in denen wahrscheinlich Gesang und Schicksal zusammen gewoben werden. Sie singen wie zum Tode Verurteilte. Sie singen wie Galeerensträflinge. Niemals wird der Sänger von seinem Tragfell frei werden, und niemals vom Schnaps. Solch ein Segen ist die Arbeit! Solch ein Kran ist der Mensch!

Selten hört man ein ganzes Lied, immer nur einzelne Strophen, ein paar Takte. Die Musik ist ein mechanisches Hilfsmittel, sie wirkt wie ein Hebel. Es gibt Lieder zu singen beim gemeinsamen Ziehen der Taue, beim Heben, beim Abladen, beim langsamen Versenken. Die Texte sind alt und primitiv. Ich habe verschiedene Texte zu denselben Melodien gehört. Einige handeln vom schweren Leben, vom leichten Tod, von tausend Pud, von Mädchen und von Liebe. Sobald die Last auf dem Rücken verstaut ist, bricht das Lied ab. Dann ist der Mensch ein Kran.

Es ist unmöglich, wieder das gläserne Klavier zu hören und Sechsundsechzig spielen zu sehen. Ich verlasse den Dampfer. Ich sitze auf einem winzigen Schiff. Zwei Träger schlafen neben mir einen weichen Schlaf auf einem gerollten Bündel dicker Taue. In vier, fünf Tagen sind wir in Astrachan. Der Kapitän hat seine Frau schlafen geschickt. Er ist seine eigene Bemannung. Jetzt brät er einen Schaschlik. Wahrscheinlich wird er fett und hart sein, und ich werde ihn essen müssen. –

Bevor ich ausstieg, beschrieb der Amerikaner mit dem Zeigefinger einen großen Bogen, zeigte auf die kalk- und lehmhaltige Erde und auf den sandigen Strand und sprach:

»Wieviel kostbares Material liegt hier ungenützt! Welch ein Strand für Erholungsbedürftige und Kranke! Welch ein Sand! Wenn all dies mitsamt der Wolga in der zivilisierten Welt läge!«

»Wenn das in der zivilisierten Welt gelegen wäre, würden hier Fabriken dampfen, Motorboote rattern, schwarze Kräne schweben, die Menschen würden krank werden, um sich dann zwei Meilen weiter im Sand zu erholen, und es wäre sicherlich keine Wüste. In einer bestimmten hygienisch einwandfreien Entfernung von den Kränen lägen Restaurants und Cafés hingestreut, mit ozonhaltigen Terrassen. Die Musikkapellen müßten das »Lied von der Wolga« spielen und einen schmissigen Wolga-Wellen-Charleston, Text von Arthur Rebner und Fritz Grünbaum...«

»Ah, Charleston!« rief der Amerikaner und freute sich. –

Freitag, 25. Mai 2012

Johann Nestroys 150. Todestag


Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy (7. Dezember 1801 in Wien - 25. Mai 1862 in Graz) war ein österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Opernsänger

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Online Präsentation der ÖNB zum 150. Todestag von Nestroy



Donnerstag, 24. Mai 2012

Ivan Klima liest in Wien am 29. Mai

Buchpräsentation
Ivan Klima © Maria Hammerich-Maier Dienstag, 29. Mai 2012, 19:00 Uhr
Hauptbücherei am Gürtel, 1070 Urban-Loritz-Platz 2a

Ivan Klíma liest aus Stunde der Stille 

Übersetzt von Maria Hammerich-Maier (Transit)

Dolmetsch: Jitka Petrová (Dolmetschdienste) | Deutsche Lesung: David Oberkogler (Burgtheater) Moderation: Erich Klein (Literaturkritiker und Übersetzer)

Dienstag, 22. Mai 2012

Vor 40 Jahren starb Cecil Day Lewis

Cecil Day-Lewis (or Day Lewis) CBE (27 April 1904 – 22 May 1972) was an Anglo-Irish poet and the Poet Laureate of the United Kingdom from 1968 until his death in 1972. He also wrote mystery stories under the pseudonym of Nicholas Blake.

Read his "The Volunteer - An ode to the International Brigade" here.






Montag, 21. Mai 2012

Gabriele Wohmanns 80. Geburtstag

Gabriele Wohmann, geborene Gabriele Guyot (geboren am 21. Mai 1932 in Darmstadt), ist eine deutsche Schriftstellerin.

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Gabriele Wohmann zum Achtzigsten 

Träume vom Himmel

In ihren Romanen und Erzählungen kann sich der kühl sezierende Blick einer klugen Gesellschaftskritikerin unversehens mit der Anteilnahme einer warmherzigen Erzählerin verbinden: Der Autorin Gabriele Wohmann zum Achtzigsten.
Sabine Doering, FAZ, 21.05.2012 

So spannend ist das Leben nicht
Interview von Bernoît Pivert mit Gabrdiele Wohmann zu ihrem 70. Geburtstag
Berliner Zeitung, 18.5.20ß2

Mittwoch, 16. Mai 2012

Carlos Fuentes gestorben

Carlos Fuentes - Mexikos Universalschriftsteller ist tot
Die spanischsprachige Welt trauert um den größten Vertreter der zeitgenössischen mexikanischen Literatur: Carlos Fuentes ist im Alter von 83 Jahren in Mexiko-Stadt gestorben.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2012

Mexikanischer Schriftsteller Carlos Fuentes gestorben
Süddeutsche Zeitung, 15.5.2012

Im Alter von 83 Jahren gestorben : Mexikanischer Schriftsteller Carlos Fuentes ist tot
Einer der meistbeachteten Autoren der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur ist tot. Der mexikanische Schriftsteller und Essayist Carlos Fuentes starb am Dienstag im Alter von 83 Jahren in Mexiko-Stadt.

Der Tagesspiegel, 16.5.2012

Chronist der Mythen
Der verstorbene Schriftsteller Carlos Fuentes hat Lateinamerika eine eigene Sprache zurückgegeben
Neue Zürcher Zeitung, 16.5.2012



 







Qian Zhongshu

A talk in four parts by Christopher Rea,  Assistant Professor of Modern Chinese Literature at the University of British Columbia. A documentation by the Institute of Asian Research, The University of British Columbia, Canada (2011)

See their Videochannel



(2nd part not available)




Dienstag, 15. Mai 2012

Der Krieg war sein Leben

Zweifacher Pulitzerpreisträger Horst Faas stirbt im Alter von 79 Jahren
Neue Zürcher Zeitung, 14.5.2012

Bezeichnender Titel: Der Krieg war sein Leben. Das heißt, ohne Krieg hätte er nicht leben können. Jetzt starb er. Prost.

Was ist das für ein Leben, das den Krieg in den Mittelpunkt stellt, aus ihm Lebensenergie schöpft? Stimmt die "Schlag"zeile überhaupt?

Im Artikel heißt es: "Ein Leben lang wurde der gebürtige Berliner vom Krieg verfolgt – und umgekehrt versuchte er, das Leiden in den Konfliktgebieten bildlich darzustellen."

In unseren kriegerischen Zeiten mangelt es nicht an Bildern und Worten über die Kriege. Eher am politischen Verständnis an den Kriegspolitiken und den Kriegen. Meist "brechen sie aus", wie Naturgewalten. Solche Sichten, auch wenn sie noch so direkt und drastisch abbilden, verdecken gerade dadurch Hintergründe, denn Kriege sind keine Naturgewalten, die aus- und einbrechen, wie Gewitter, sondern geplante Konstrukte, gewalttätige Aktionen.

Der Vorwurf geht nicht an den Kriegsreporter persönlich. Wie die Bilder aufgenommen werden, hängt zum Wenigsten vom Fotografen ab. Offensichtlich schockieren gewisse Bilder immer noch. Aber nach einiger Zeit werden sie zu gehandelten, gepriesenen Ikonen. Der Krieg lässt sich davon nicht stören – und die meisten Konsumenten auch nicht.

Literatur ohne Lokalkolorit

In einer Buchbesprechung schreibt der Rezensent:
"Die Tendenz, sich vom Gedanken einer national fixierten Literatur loszusagen und Texte ohne Lokalkolorit zu schreiben, geht auf Kafka zurück und lässt sich in der zeitgenössischen Erzählkunst immer wieder beobachten. "

Schwärze der Nacht
Beunruhigendes aus Portugal – «Die Versehrten» von Gonçalo M. Tavares
Rezension von Eberhard Geisler, Neue Zürcher Zeitung, 9.5.2012

Ist nun das fehlende Lokalkolorit ein Mangel oder eine positive Qualität? Verliert die Literatur, wenn sie sich "neutralisiert", ihre Herkunft tilgt?

Chinese Literature as World Literature: Writer, Translator and Critics

Chinese Literature as World Literature: 

Writer, Translator and Critics (in Chinese)

Video documentation in 5 parts (2010):












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Arthur Schnitzlers 150. Geburtstag

Arthur Schnitzler (15. Mai 1862 in Wien - 21. Oktober 1931 ebenda) war ein österreichischer Erzähler und Dramatiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne.

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Abbildung: Wikipedia
Arthur Schnitzler Gesellschaft

Montag, 14. Mai 2012

Modern Chinese Literature

Modern Chinese literature in China vs. overseas - Dr. David Der-wei Wang

Four lectures by Harvard professor David Der-wei Wang about the status of literature in 21st century China. 


 

 

 

August Strindbergs 100. Todestag

Johan August Strindberg,  (22. Januar 1849 in Stockholm - 14. Mai 1912 ebenda) war ein schwedischer Schriftsteller und Künstler.

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Abbildung Wikipedia

Zu August Strindberg: sweden.se

Strindbergssällskapet / The Strindberg society

Indizien für eine rastlose Existenz
Rezension der aktualisierten Neuausgabe von Per Olov Enquists Buch "Strindberg. Ein Leben", München 2012
Deutschlandradio Kultur, 14.5.2012

Fanny und August im ‹Blauen Turm›: Fanny Falkner und August Strindberg
von Henriette Orheim (Erstellt: 23. Oktober 2004 - letzte Überarbeitung: 16. Februar 2005)
BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe