Samstag, 31. März 2012

Klage gegen Amazon Hehlerei von geistigem Eigentum

29.03.2012 ·  Handschriften als Print-on-demand: Faksimile-Ausgaben von Kafka finden Schnäppchenjäger im Internet weit unter dem Originalpreis. Der Stroemfeld Verlag verklagt jetzt Amazon.
Von Felicitas von Lovenberg, FAZ
 
Anmerkung: Es macht schon einen Unterschied, ob ich einen copy right - freien Text drucke oder eine Faksimile-Ausgabe, bei der es nicht nur auf den Inhalt ankommt, sondern die Originalvorlage. Der Autograph ist aber anders geschützt als der Text (Inhalt). Indem Google und Amazon das missachten, sind sie Räuber, Diebe, Hehler. 
 

Dienstag, 27. März 2012

190. Geburtstag von Henri Murger

Henri Murger, 27. März 1822 in Paris - 28. Januar 1861, war ein französischer Schriftsteller und Dichter.

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Über Henri Murgers "Boheme" im Perlentaucher


Henri Murger: Die Bohème

Vorwort des Verfassers.


Die Zigeuner, von denen in diesem Buche die Rede ist, haben gar nichts mit jenem Großstadtgesindel zu tun, aus dem sich unsere Boulevarddramatiker ihre Gauner- und Meuchelmördertypen heraussuchen. Sie gehören auch nicht zu jenen Vagabunden, die auf öffentlichen Plätzen als Bärenführer, Säbelschlucker, Verkäufer von diebessicheren Türverschlüssen, Glücksbudenbesitzer und dergleichen ein ebenso interessantes wie für sie selbst einträgliches Gewerbe betreiben.

Das Zigeunertum, das hier beschrieben wird, ist überhaupt nicht der Gegenwart entsprungen, es hat zu allen Zeiten und an allen Orten bestanden und kann sich einer erlauchten Herkunft rühmen. Schon im alten Griechenland – um nicht weiter in die Vergangenheit hinabzusteigen – gab es einen berühmten Zigeuner, der auf gutes Glück die blühende jonische Landschaft durchstreifte, von Almosen lebte und des Abends die Leier, zu deren Klang er die Liebesabenteuer der Helena und den Fall Trojas besungen hatte, an irgendeinem gastlichen Herde aufhing. Auch später finden wir die Vorgänger der modernen Zigeuner in allen Epochen der Kunst und Literatur. Im Mittelalter sind es die fahrenden Schüler, die Troubadoure und Minnesänger, die mit Felleisen und Harfe durch das Land zogen, die die blühende Tourraine mit ihrem heiteren Gesang erfüllten und um die goldene Rose in den Blumenspielen der Clemence Isaure kämpften.

Auch in der Zeit des Übergangs zur Renaissance fährt das Zigeunertum fort, die Straßen Frankreichs und sogar schon etwas die der Stadt Paris zu durchschweifen, da ist vor allen Meister Pierre Gringoire, der Freund der fahrenden Bettler und Feind der Enthaltsamkeit. Mager und ausgehungert, wie es nur ein Mensch sein kann, dessen ganzes Leben nichts als eine ewige Fastenzeit ist, schlendert er durch die Straßen der Stadt, die Nase in der Luft wie ein Jagdhund, und schnüffelt nach den Gerüchen der Speisehäuser und Garküchen. Vor seinem gierig brennenden Blick scheinen die Schinken, die an den Haken der Schlächter hängen, zusammenzuschrumpfen, während er im Geiste – aber leider nicht in den Taschen – die zehn Taler klimpern läßt, die ihm die Herrn Schöffen für den ›sehr andächtigen und sehr erbaulichen Schwank‹ versprochen haben, den er für das Theater im Saale des Gerichtshauses dichtete. Neben diesem schmerzerfüllten und melancholischen Antlitz des Geliebten der Esmeralda kann die Chronik des Zigeunertums ein weniger abgezehrtes und lebensfroheres Gesicht heraufbeschwören, das des Meisters François Villon, des Geliebten jener Schönen, ›die eine Dirne war‹. Poet und Vagabund im echtesten Sinne der Worte war dieser Mann, dessen Verse, wohl infolge eines inneren Vorgefühls, eine merkwürdige Angst vor dem Galgen widerspiegeln. Und er entging ja auch dem Schicksal, eines Tages wegen eines Münzverbrechens daran aufgeknüpft zu werden, nur mit genauer Not. Dabei hat dieser selbe Villon, der mehr als einmal die ihm auf den Fersen befindliche Polizei außer Atem zu setzen wußte, dieser lärmende Gast in den Absteigequartieren der Rue Pierre-Lescot, dieser Schmarotzer am Hofe des Zigeunerherzogs, dieser Salvator Rosa der Poesie, Elegien von so mitreißender und echter Empfindung gedichtet, daß selbst die Hartherzigsten davon erschüttert werden und den Straßenräuber, den Vagabunden und Wüstling vergessen vor den göttlichen Tränen dieser Muse.

Übrigens hat von allen, deren Werke eine Zeit nicht mehr liest, die die französische Literatur erst mit Malherbe beginnen läßt, François Villon wohl die Ehre gehabt, am meisten durch bekannte Literaten, besonders auch durch die großen Bonzen des modernen Parnasses, ausgeplündert zu werden. Sie haben sich alle auf den Garten dieses Armen gestürzt und Münzen des Ruhms aus seinem verborgenen Schatz geschlagen. Manche Ballade, die der heimatlose Rhapsode an einem frostigen Tage neben einem Meilenstein auf der Landstraße oder unter der Dachtraufe schrieb, manches Liebeslied, das er in der Spelunke improvisierte, in der die Schöne, ›die eine Dirne war‹, jedem, der vorbeikam, ihren goldenen Gürtel löste, sie zieren heute, zu einem von Moschus und Ambra duftenden Liebesgetändel umgeformt, das wappengeschmückte Poesiealbum einer aristokratischen Chloris.


Aber nun taucht das große Jahrhundert der Renaissance auf. Michel Angelo ersteigt das Gerüst der Sixtinischen Kapelle und betrachtet nachdenklich den jungen Raffael, der auf der Treppe zum Vatikan erscheint mit den Kartons der Loggien unter dem Arm. Benvenuto ersinnt seinen Perseus, Ghiberti ziseliert die Türen des Baptisteriums zu der gleichen Zeit, in der Donatello seine Mamorstatuen auf der Arnobrücke aufstellt, und während die Stadt der Medizäer an Meisterwerken mit der Stadt Leos X. und Julius II. wetteifert, schmücken Tizian und Paolo Veronese die Stadt der Dogen, kämpft St. Markus mit St. Peter. Diese fieberhafte Genialität, die mit der Heftigkeit einer Epidemie plötzlich auf der italienischen Halbinsel ausbricht, breitet seine ansteckende Glorie über ganz Europa aus. Die Kunst, diese Nebenbuhlerin Gottes, erlangt königliche Würde. Karl V. bückt sich, um Tizian den Pinsel aufzuheben, und Franz I. wartet im Vorzimmer der Druckerei, in der Etienne Dolet vielleicht gerade die Korrekturbogen des ›Pantagruel‹ las.

Inmitten dieser Wiedergeburt des Geistes fährt das Zigeunertum in alter Weise fort, um einen Ausdruck Balzacs zu gebrauchen, sich Brot und Obdach zu suchen. Clement Marot setzt sich in den Vorzimmern des Louvre fest und wird, bevor die schöne Diane selbst die Favoritin eines Königs wurde, der Favorit jener Dame, die mit ihrem Lächeln drei Regierungen erhellte. Von dem Boudoir der Diane von Poitiers fliegt die ungetreue Muse des Poeten nach dem der Marguerite von Valois, welche gefährliche Gunst Marot mit dem Gefängnis büßen mußte. Fast Zu derselben Zeit kam ein anderer Zigeuner, dessen Jugend am Gestade von Sorrento den Kuß der epischen Muse empfing, Tasso, an den Hof des Herzogs von Ferrara, so wie Marot an den Franz' I. kam. Aber weniger glücklich als der Geliebte der Diane und der Marguerite büßte der Dichter des ›Befreiten Jerusalem‹ die Kühnheit seiner Liebe zu einer Tochter des Hauses Este mit dem Verlust seiner Vernunft und seines Genies.

Die religiösen und politischen Kämpfe, die die Ankunft der Medici in Frankreich begleiten, halten den Höhenflug der Kunst in keiner Weise auf. Zu der Zeit, da Jean Goujon, der die heidnische Kunst des Phidias wieder aufnahm, auf der Place des Innocents von einer Kugel getroffen wurde, fand Ronsard die Dichtung des Pindar wieder und gründete, unterstützt von seiner Plejade, die große Schule der französischen Lyrik. Dieser Schule des Erwachens folgte die Reaktion Malherbes und seiner Anhänger, die aus der Sprache alle fremden Grazien verbannten, welche ihre Vorgänger auf dem Parnaß heimisch zu machen versucht hatten. Und es war ein Zigeuner, Mathurin Régnier, der als einer der letzten die Bollwerke der lyrischen Poesie verteidigte gegen die Phalanx jener Rhetoren und Grammatiker, die Rabelais für barbarisch und Montaigne für dunkel erklärten. Es war dieser selbe Mathurin Régnier, der Zyniker, der neue Knoten in die satirische Geißel des Horaz knüpfte und beim Anblick des Sittenverfalls seiner Zeit ausrief:

›Die Ehre ist ein Gott, dem niemand Opfer bringt.‹

Aus dem siebzehnten Jahrhundert gehört eine Reihe von Namen aus dem Literaturkreis der Epochen Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. zum Zigeunertum. Es hat seine Mitglieder unter den Schöngeistern des Hotel Rambouillet, wo es Beiträge zu ›Juliens Blumenstrauß‹ liefert. Es findet Zutritt zum Palais Cardinal, wo es mit dem Ministerdichter, dem Robespierre der Monarchie, an seiner Tragödie ›Marianne‹ arbeitet. Es bestreut das Schlafzimmer der Marion Delorme mit Madrigalen und huldigt Ninon unter den Bäumen der Place Royale. Das Zigeunertum frühstückt des Morgens in der Schenke der ›Schlemmer‹ oder in der des ›Königsschwerts‹ und speist des Abends am Tische des Herzogs de Joyeuse. Es schlägt sich sogar beim Licht der Straßenlaternen für das Sonett der Urania gegen das Sonett des Hiob. Das Zigeunertum befaßt sich mit Liebe, mit Krieg und selbst mit Diplomatie, und, da es alt geworden, bringt es, müde der Abenteuer, das Alte und das Neue Testament in Verse, bewirbt sich um alle frommen Stiftungen und besteigt endlich, wohlgenährt durch fette Pfründe, einen Bischofssitz oder einen Sessel jener Akademie, die ja auch von einem Zigeuner begründet ist.

Es war beim Übergang vom sechzehnten zum siebzehnten Jahrhundert, als die beiden stolzen Genies aufstanden, die die beiden Länder, in denen sie lebten, wenn sie um ihren literarischen Vorrang kämpfen, immer wieder eins dem andern gegenüberstellen: Molière und Shakespeare, diese berühmten Zigeuner, deren Schicksale nur allzu viele Vergleichspunkte bieten.

Ebenso finden sich die berühmtesten Namen der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts in den Archiven des Zigeunertums, darunter die Unsterblichen dieser Epoche, Jean Jaques Rousseau und d'Alembert, der Findling vom Vorplatz der Notre-Dame-Kirche. Ferner unter den weniger bekannten Malfilâtre und Gilbert, die überschätzt worden sind, denn das Feuer des einen war nur ein matter Abglanz des bleichen Lyrismus Jean Baptiste Rousseaus, und das Feuer des andern nur eine Mischung ohnmächtigen Stolzes mit einem Hasse, der nicht einmal die Entschuldigung der Echtheit und Aufrichtigkeit aufweisen kann, da er nur die bezahlte Masse der Ränke und Feindschaften einer Partei war.

Mit dieser Epoche wollen wir die flüchtige Übersicht über das Zigeunertum in den verschiedenen Zeiten schließen. Wir haben diese mit berühmten Namen durchsetzte Vorrede absichtlich an die Spitze dieses Buches gesetzt, um den Leser vor jeder falschen Vorstellung bei dem Wort Zigeunertum zu bewahren, weil man diesen Namen seit langem auch Bevölkerungsklassen zulegt, mit denen diejenigen, deren Sitten und Sprache in diesem Buche geschildert werden, nichts zu tun haben wollen.

Heute wie früher wird jeder Mann, der sich der Kunst widmen will, wenn er sonst keine Existenzmittel hat, als die ihm aus der Kunst zufließenden, gezwungen sein, die Wege des Zigeunertums zu gehen. Die meisten der jetzt lebenden berühmten Künstler sind Zigeuner gewesen, und in ihrem sicheren und glänzenden Ruhm erinnern sie sich oft, vielleicht sogar mit Bedauern, jener Zeit, da sie in der blühenden Jugend ihrer zwanzig Jahre kein anderes Vermögen hatten als ihren Mut, diese Tugend der Jungen, und die Hoffnung, diesen unerschöpflichen Schatz der Armen.

Wir wiederholen also noch einmal zur Beruhigung des besorgten Lesers, des ängstlichen braven Bürgers und überhaupt aller, die alles genau definiert haben wollen, in Form eines Axioms:

»Das Zigeunertum ist die Lehrzeit des Künstlers. Es ist die Vorstufe zu den akademischen Würden oder auch zum Hospital und zur Morgue.«

Und wir fügen hinzu, daß es nur in Paris ein Zigeunertum gibt, und daß es nur dort möglich ist.

Wie jede Gesellschaftsklasse zeigt auch das Zigeunertum verschiedene Abstufungen, die sich noch in einzelne Spielarten zerteilen, so daß es gut ist, ihre unterscheidenden Merkmale festzustellen.

Wir beginnen mit der zahlreichsten Klasse, der der Unbekannten. Sie umfaßt die große Familie der armen Künstler, die ein verhängnisvolles Schicksal dazu verdammt hat, inkognito dahinzuleben, die vergebens nach einem Fleckchen in der Öffentlichkeit suchen, wo sie sich und ihr künstlerisches Vermögen zeigen könnten. Sie sind das Geschlecht der ewigen Träumer, denen die Kunst kein Handwerk, sondern eine Religion ist. Sie sind die Enthusiasten, die wahrhaft Gläubigen, die beim Anblick eines großen Kunstwerks erglühen und mit klopfendem Herzen vor allem Schönen stehen, ohne nach dem Namen des Künstlers und seiner Schule zu fragen. Diese Art Zigeunertum ergänzt sich aus jungen Leuten, die, wie man sagt, zu Hoffnungen berechtigen, und aus solchen, die diese Hoffnungen schon erfüllt haben, dann aber aus Gleichgültigkeit, Scheu oder Unkenntnis des praktischen Lebens glauben, mit dem Schaffen des Kunstwerks sei alles getan und die Anerkennung des Publikums sowie der Reichtum würden jetzt von selbst über sie herabströmen. So leben sie am Rande des öffentlichen Lebens, vereinsamt und untätig. Wie versteinert in ihrer Kunst nehmen sie die Symbole der akademischen Dithyrambe, die eine Aureole um die Stirn der Dichter legen, wörtlich und, überzeugt, daß sie einst auch das Dunkel ihres Lebens erhellen werde, warten sie ruhig, daß man zu ihnen komme. Wir haben seinerzeit eine kleine Schule solcher Typen gekannt, die so seltsam waren, daß man kaum an ihr Dasein glauben wollte. Sie nannten sich die Schüler des › l'art pour l'art‹. Diese ›Kunst um ihrer selbst willen‹ bestand nach der Ansicht dieser Naiven darin, daß man sich gegenseitig in den Himmel erhob, daß man dem Zufall, der nicht einmal ihre Namen kannte, in keiner Weise zu Hilfe kam und abwartete, bis sich das Piedestal ihres Ruhms ihnen von selbst unter die Füße schob.

Man sieht, dieser Stoizismus grenzt an das Lächerliche, aber wir versichern noch einmal, um keinen Zweifel daran zu lassen, daß es im Schoße des verkannten Zigeunertums wirklich solche Typen gibt, deren Elend entschieden unser Mitgefühl erregen würde, wenn uns nicht der gesunde Menschenverstand veranlaßte, wieder davon abzustehen. Denn wenn wir sie ruhig darauf aufmerksam machen, daß wir nun einmal im neunzehnten Jahrhundert leben, wo das Geld regiert und keine blank gewichsten Stiefel vom Himmel fallen, dann drehen sie uns den Rücken und nennen uns Spießbürger.

Im übrigen sind sie in ihrem sinnlosen Heldentum sich selber treu: sie klagen nicht und jammern nicht und ergeben sich widerstandslos dem dunkeln und herben Geschick, das sie sich selbst geschaffen haben. Die meisten sterben an jener Krankheit, die die Wissenschaft nicht beim richtigen Namen zu nennen wagt – am Elend. Und doch könnten viele diesem traurigen Schicksal entgehen, das ihrem Leben zu einer Zeit ein Ende macht, wo im allgemeinen sonst das Leben erst richtig aufblüht. Sie brauchten nur den harten Gesetzen der Notwendigkeit ein paar Zugeständnisse zu machen, indem sie ein Doppelleben begännen und zwei Naturen in sich vereinten: den Dichter, der stets über den Höhen der Menschheit schwebt und dort dem Gesang aus schöneren Welten lauscht, und dem Mann, der in harter Arbeit sich sein tägliches Brot erkämpft. Aber diese Zweiheit, die man immer bei ausgeglichenen Naturen findet und die sogar deren hervorragendes Merkmal sind, sie fehlt den meisten dieser jungen Leute, die ihr Stolz, ihr falscher Stolz, für alle Ratschläge der Vernunft unzugänglich gemacht hat. So sterben sie, vielleicht jung, und hinterlassen manchmal ein Werk, das die Welt zu spät bewundert und das sie vielleicht schon früher gewürdigt hätte, wenn es ihr nur bekanntgeworden.

Es gibt in dem unbekannten Zigeunertum noch eine Unterklasse. Sie besteht aus jungen Leuten, die man getäuscht hat, oder die sich selbst getäuscht haben. Sie halten eine Schwärmerei für ein Berufensein, und getrieben von einem selbstmörderischen Schicksal sterben sie als Opfer ihres Stolzes oder als Sklaven einer Schimäre.

Zu ihnen gehört auch die lächerliche Klasse der Unverstandenen, jener weinerlichen Dichter, deren Muse immer mit rotgeweinten Augen und schlecht gekämmtem Haar herumläuft, und alle die unfähigen Mittelmäßigkeiten, die, weil sie nicht dazu kommen, sich gedruckt zu sehen, die Muse eine Rabenmutter und die Kunst ein Schafott nennen.

Alle wahrhaft starken Geister wissen, daß sie etwas zu sagen haben, und sie sagen es früher oder später. Das Genie und das Talent sind keine Zufälligkeiten im Reiche der Menschheit. Sie erscheinen mit Notwendigkeit und können schon deshalb nicht ewig im Dunkel bleiben. Wenn die Menge ihnen nicht vorangehen will, dann verstehen sie es, der Menge voranzugehen. Das Genie ist wie die Sonne – die ganze Welt sieht es. Das Talent ist wie ein Diamant, der lange im Dunkeln liegen kann, aber immer findet sich einer, der ihn bemerkt. Man tut daher unrecht, wenn man sich von dem Jammern und dem leeren Gerede dieser Klasse von Eindringlingen und Überflüssigen beeinflussen läßt. Sie haben in der Kunst nichts verloren, und sie sind es auch, deren eigentliches Wesen nur aus Faulheit, Ausschweifung und Schmarotzertum besteht.

Schlußfolgerung: »Das Zigeunertum der Verkannten ist kein Weg nach oben, sondern eine Sackgasse.«

In der Tat führt ein solches Leben durchaus zu nichts. Es ist ein verdummendes Elend, in dem der Geist erlischt wie eine Lampe in einem luftleeren Raum und das Herz in wildem Menschenhaß versteint, so daß gerade die besten Naturen am tiefsten sinken. Wer das Unglück hat, zu lange darin zu weilen oder sich zu tief in seine Höhlen zu verirren, der findet nie wieder den Ausweg, denn es gibt hier gefährliche Abwege, die in ein anderes Zigeunertum führen, mit Sitten, die auch vor ein anderes Forum gehören als das der Literaturgeschichte.

Wir haben dann noch eine merkwürdige Abart der Zigeuner zu erwähnen, die man die Liebhaber nennen könnte. Sie sind durchaus nicht uninteressant, für sie hat das Leben der Zigeuner einen verführerischen Reiz. Nicht immer jeden Tag sein Mittagessen zu haben, im Freien zu schlafen, während es in Strömen regnet, im Dezember in einem gelben Nankinanzug herumzulaufen, das scheint ihnen der Gipfel menschlicher Glückseligkeit zu sein, und um es zu genießen, verläßt der eine das wohlgeschützte Vaterhaus, der andere sein Studium, das vor dem glücklichsten Abschluß steht. Sie wenden plötzlich einer ehrenvollen Zukunft den Rücken, um den Abenteuern eines vom Zufall abhängigen Lebens nachzulaufen. Da aber selbst die Kräftigsten eine Lebensweise nicht lange aushalten, bei der eine Herkulesnatur zusammenbrechen würde, so geben sie das Spiel bald wieder auf und kehren reumütig zu den väterlichen Fleischtöpfen zurück. Dann heiraten sie eine Verwandte, lassen sich als Notar in einer Stadt von dreißigtausend Einwohnern nieder, und des Abends am Kamin erzählen sie mit der Genugtuung eines Reisenden, der über eine Tigerjagd plaudert, von ihrem ›Künstlerelend‹. Andere sind hartnäckiger und auch wohl zu stolz, um nachzugeben. Aber sobald sie einmal den Kredit erschöpft haben, den sie als Söhne guter Familien leicht finden, geht es ihnen schlechter als den echten Zigeunern, die außer ihrer Intelligenz niemals andere Hilfsquellen besessen haben. Wir haben selbst einen dieser Zigeuner aus Liebhaberei gekannt, der sich mit seiner Familie überwarf und drei Jahre im Zigeunertum lebte, bis er eines schönen Tages starb und in einem Armenleichenwagen nach dem Armenfriedhof gefahren wurde. Dabei besaß er zehntausend Franken Rente!

Es braucht natürlich nicht erwähnt zu werden, daß diese Art von Zigeunern absolut nichts mit der Kunst zu tun hat und in diesem Milieu das allerunbeachtetste Dasein führt.

Aber jetzt kommen wir zum echten Zigeunertum, zu demjenigen, das in diesem Buche ja zum Teil geschildert wird. Zu ihm gehören die wahrhaft Berufenen der Kunst und mitunter auch die Auserwählten. Auch dieses Zigeunertum starrt von Gefahren, und zwei Abgründe umgeben es rechts und links: das Elend und der Zweifel. Aber es gibt wenigstens zwischen diesen beiden Schlünden einen Weg zum Ziel, das die Zigeuner mit ihren Blicken erreichen können, ehe sie es mit den Händen erfassen.

Man nennt es das offizielle Zigeunertum, weil die dazu Gehörenden mit ihrem Namen schon irgendwie in die Öffentlichkeit gedrungen und so in dem offiziellen Register der Kunst eingetragen sind. Ihre literarischen und künstlerischen Erzeugnisse kommen auf den Markt und finden dort, allerdings zu sehr mäßigen Preisen, ihre Abnehmer. Um das Ziel zu erreichen, das sie sich gesetzt haben, sind ihnen alle Wege recht, und sie wissen aus allen Zufälligkeiten ihres Lebens Nutzen zu ziehen. Regen oder Trockenheit, Dunkel oder Sonnenschein, nichts hält diese verwegenen Abenteurer auf, die bei allen Fehlern eine große Tugend haben. Ihr Geist wird nämlich immer durch ihren Ehrgeiz wachgehalten, und dieser Geist geht ihnen wie ein Trommler voraus und treibt sie an, die Zukunft im Sturm zu erobern. Immer im Kampf mit der harten Not des Tages, sprengen sie mit stets bereiter Lunte jedes Hindernis, kaum daß es vor ihnen aufgetaucht ist. Wie sie sich jeden Tag ihr Brot verschaffen, das ist eine Arbeit des Genies, ein immer neues Problem, das sie mit tollkühner Strategie lösen. Diese Leute verstehen es, sich von dem geizigsten Harpagon Geld zu leihen, und sie würden als Schiffbrüchige auf einem Floß Trüffeln entdecken. Im Notfall wissen sie zu fasten wie der tugendhafteste Anachoret, fällt ihnen aber eine größere Geldsumme in die Finger, dann ergeben sie sich den ausschweifendsten Phantasien, holen sich die schönsten und jüngsten Mädchen, trinken den besten und ältesten Wein und finden überhaupt nicht genügend Fenster, um ihr Geld hinauszuwerfen. Ist dann schließlich das letzte Silberstück tot und begraben, dann kehren sie wieder zu der Tafel des Zufalls zurück, die für alle gedeckt ist, und mit einer ganzen Meute von listigen Einfällen durchjagen sie vom Morgen bis zum Abend alle Gewerbe, die irgend etwas mit der Kunst zu tun haben, um jenes edle Wild zu erlegen, das man ein Fünffrankstück nennt.

Diese Zigeuner kennen alles und gehen überall hin, je nachdem sie gerade Lackschuhe oder zerrissene Stiefel haben. Man findet sie heute vor den eleganten Kaminen eines mondänen Salons und morgen unter den Gewölben einer verrufenen Tanzschenke. Sie können keine zehn Schritte über den Boulevard gehen, ohne einen Freund zu treffen, und keine dreißig, ohne einem Gläubiger zu begegnen.

Die Zigeuner haben ihre eigene Sprache, die aus dem Ateliergeplauder, dem Bühnenjargon und den Debatten auf den Redaktionen entstanden ist. Alle Stilblüten geben sich in diesem unerhörten Idiom ihr Rendezvous, apokalyptische Wendungen neben geschmackloser Komik, Alltagsausdrücke neben gewagten, dichterischen Perioden. Es ist ein geistvolles Rotwelsch, das allen denen unverständlich ist, die nicht den Schlüssel dazu haben, und das an gewagten Redewendungen auch die freieste Sprache übertrifft. Das Wörterbuch des Zigeunertums ist die Hölle der akademischen Redekunst und ein Paradies für die Freunde neuer Wortbildungen. Dieses ist, in kurzen Worten gesagt, das Zigeunerleben. Es ist wenig gekannt von den Puritanern der Gesellschaft, verschrien bei den Puritanern der Kunst, und es wird beschimpft von all den ängstlichen und neidischen Mittelmäßigkeiten, die doch nicht genug Lungenkraft, Lügen und Verleumdungen haben, um die Stimmen und Namen derjenigen zu ersticken, die aus diesem Vorsaal des Ruhms heraustreten, indem sie vor ihr Talent ihren Mut spannen. Es ist ein Leben der Geduld und der Kühnheit, wo man sich auch im Kampf mit der Dummheit und dem Neid in den festen Panzer der Gleichgültigkeit stecken muß. Wo man, um nicht auf dem Wege zu straucheln, keinen Augenblick den Stolz auf sich selbst verlieren darf, diesen ausgezeichneten Wanderstab. Ein wundervolles Leben und ein schreckliches Leben, das seine Sieger und seine Märtyrer hat, und in das nur der eintreten darf, der sich von vornherein dem unerbittlichen Gesetz des vae victis unterwirft.

1851.
H. M.


   

 

Montag, 12. März 2012

Samstag, 10. März 2012

Boycott-Tradition - Weitere Anmerkung zur Trotzki-Affäre

Sollen Zensur und Verbote durch "Qualitätskriterien" begründet und legitimiert werden? Also, wenn ein fragwürdiger, schlampiger Autor Fragwürdiges publiziert, bstünden keine Bedenken, sein Werk zu verbieten oder ihn als Autorenperson zu ächten, z. B. indem man Auftritte von ihm verhindert, Aufführungen von Stücken von ihm verunmöglicht usw.?
Umgekehrt, wenn ein Autor für gewisse Kreise als hochwertig gilt, soll das verbindlich für alle gelten, auch seine Gegner?

Wir kennen solche Probleme mit den Werken und Personen wie Rolf Hochhuth oder, etwas früher, Bertolt Brecht. Gerade in Österreich taten sich aufrechte, damals politisch Korrekte hervor, die stramm antikommunistisch den Wiener Brecht-Boykott durchsetzen. Begonnen hat es noch während der Besatzungszeit, gedauert hat der Boykott bis Anfang der Sechzigerjahre. Hauptbetreiber waren die Autoren Friedrich Torberg, Hans Weigel und der Burgtheaterdirektor Ernst Haeussermann.
Jene, die Brecht unterstützt hatten (Gottfried von Einem verwandte sich für ihn für eine österreichische Staatsbürgerschaft, was, als es 1951 öffentlich bekannt wurde, zu einem Eklat und lautstarken Protesten gegen den Kommunisten und DDR-Sympathisanten Brecht führte und auch Einem sehr schadete!).

Als trotz fast flächendeckender Boycottbeachtung in Graz Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" aufgeführt worden war, gab Günther Nenning im FORUM, dessen Herausgeber Torberg war, 13 Brechtkritikern (welche Ironie, dass damals nicht 14 mitwirkten!) Raum zur Auseinandersetzung. Weigels Forderung gipfelte in der Zumutung, dass die Theater selbst, aus sich heraus, aus ihre Einsicht in die gute Sache, Brecht-Stücke nicht spielen sollten: "... mit Gefühl für politische Sauberkeit sich die Berührung mit den Werken Bertolt Brechts selbst verbieten". Weitere Ironie, am Rande: Weigel verwendete ein Stereotyp, das in der Vorurteils- bzw. Antisemitisforschung prominent geworden ist, das der Berührungsangst bzw. des Berührungsverbots. Er, wie Torberg Jude, verwendet just dieses Stereotyp als Begründung. Es war (damals) anerkannt im politisch korrekten Lager, das eben antikommunistisch war.

Der Vergleich mit dem Appell an Suhrkamp drängt sich auf: Damals blieb es nicht nur bei einer Negation seitens des Burgtheaters, sondern die Verhinderung ergriff die gesamte Kulturszene. Würden die Historiker von heute mit ihrem Ansinnen erfolgreich sein, stünde zu befürchten, dass Services Werk, ganz unabhängig seiner Qualität, nicht nur nicht im Suhrkamp Verlag publiziert würde, sondern überhaupt nicht. Und dass die Kultur des Zensurierens und Verbietens gestärkt würde. Ein untauglicher Weg!

Die Parallelen zu den antikommunistischen Hetzkampagnen von damals gegen Linke zu den Hetzkampagnen gegen Rechte heute sind unübersehbar.

Die Gefahr ähnlicher Hatzen und Jagden durch Rechte ist manifest. Gewännen sie mehr Macht, würden sie sicher noch brutaler Gegner verfolgen. Aber das Gegenmittel darf doch nicht dieselbe Vorgangsweise sein! Es bedarf einer offenen Politik, die solches Vorgehen von KEINER Seite gestattet und ALLEN die freie Meinungsäußerung ermöglicht. Freiheit ist unteilbar. Auch für Gegner.


Freitag, 9. März 2012

Verhinderungsmaßnahmen

Zur Trotzki-Debatte


Die Kritik am Aufruf von 14 Autoren an den Suhrkamp Verlag, die Trotzki-Biografie von Robert Service nicht zu publizieren, hängt nicht von der zustimmenden oder ablehnenden Lektüre seines und seiner Kritiker Werke ab, sondern ist eine prinzipielle an einer Haltung, die jener, die sonst von solchen Leuten kritisiert wird, gleicht: Gesinnungskultur und entsprechender Druck daraus.

Die Sache ist auch mit dem Verweis auf die faktischen Mängel oder die „Unwissenschaftlichkeit“ nicht bündig erklärt. Denn sachliche Mängel lassen sich anführen und kritisieren – und beheben. Zudem bedarf es für eine Biographie keines wissenschaftlichen Ausweises. Würde das gelten, müssten die Bibliotheken um Tausende von biografischen Arbeiten gereinigt werden.

Es bleibt allein das Argument, dass der Suhrkamp Verlag dieses Buch nicht in sein Programm nehmen soll oder muss. Stimmt. Aber das öffentliche Auftreten hat Signalwirkung, bsonders in einer Zeit der Hatzen und Kampagnen. Eine bestimmte Kampagne gutzuheißen, weil sie von „Progressiven“ stammt, wäre kurzsichtig, weil eben gesinnungsmäßig. Wer aber prinzipiell gegen Jagden und Verbote ist, kann solch eine öffentliche Aufforderung nicht einfach als „sachlich“ abtun. Wäre das intern im Verkehr mit Suhrkamp geschehen, würde es keine solche Debatte geben.

Aber den Kritikern geht es nicht nur um Fakten. Es geht um Deutungen, die sie ablehnen. Der Hinweis auf „schlechte Gesellschaft“, Beifall von der „falschen Seite“ und dergleichen belegt, dass es um rechtes Gedankengut geht, das verhindert oder zumindest behindert werden soll.

Wiederum: wenn man für die Freiheit der Meinungsäußerung eintritt, heißt das nicht, dass man die Positionen damit teilt. So, wie Chomsky damals für den faschistischen Historiker Robert Faurisson eintrat hinsichtlich der Freiheit seiner Lehre und Publikationen, so wenig darf und kann man dem Linken Chomsky unterstellen, er teile die fragwürdigen Ansichten Faurissons. Chomsky machte auch den Vergleich zu Voltaire. Den machen die wackeren Historiker in dieser Affäre nicht.

Die Feststellung eines antisemitischen Subtextes ist selbst verfänglich, gefährlich und vage. Solche Konstruktionen dienten einerseits, unter anderen Vorzeichen, früher in Diktaturen wie denen der Nazis und Realkommunisten zur Jagd auf missliebige Autoren, werden andererseits gegenwärtig in diktatorischen Ländern immer noch geübt (nicht nur Iran oder China).

Wir wissen aus den vielen unfruchtbaren Debatten in der Literaturkritik, wie fadenscheinig oft solche Befunde sind; sie ähneln den vulgärpsychologischen Ferndiagnosen. Es wird oft, bedingt durch den eigenen Rezeptionsrahmen und die ideologische Position, mehr hineingelesen oder herausgelesen, als dort steht, eben weil die Konstruktion des Subtextes Freiheiten offeriert, die der eigentliche Text nicht aufweist.

Wenn ein Werk von politischer Seite, die einem unangenehm ist, Beifall erhält, entwertet das nicht das Werk. Würde diese krumme Logik stimmen, müssten Agenten nur Kräfte aus dem jeweiligen konträren Lager animieren oder beauftragen, sich positiv oder negativ zu äußern, damit in der Öffentlichkeit die gewünschte Auf- oder Abwertung erfolgt. Dieses konterdependente Verhalten stellt aber keine Freiheit dar, sondern ein Befolgen vorgegebener Deutungsraster. Diese Praxis verringert den Raum der Kritik, verengt die Blicke, determiniert Urteile.

Auch wenn das Buch von Service ein Machwerk wäre, verdient es nicht so einen Feldzug. Würde die Sache intern geregelt worden sein, bestünden für andere Verlage bei Interesse genügend Gelegenheiten, es doch zu publizieren. Ein ganz normaler Vorgang. Diese Normalität wurde aber durch die öffentliche Kampagne zunichte gemacht. Wenn jetzt ein Verlag, sei es Suhrkamp oder ein anderer, es trotzdem publiziert, wird immer dieser Schatten, in ganz anderer Qualität als ohne diese Kampagne, über der Veröffentlichung liegen. Das heißt, es wird eine unwissenschaftlichen Polarisierung angeheizt, die weit über den Anlass hinausreicht.

Als Peter Huchel in SINN & FORM 1962 den Sartre-Aufsatz über Kafka publizierte, bekam er Probleme und wurde entlassen. Der Text entsprach nicht den gültigen Vorstellungen der Literaturwissenschaftler und Ideologen. Heute sieht man das anders. Werden andere morgen das Verhalten der Historiker auch anders sehen?

Als 1998 bzw. 2004 Emma Gersteins Buch „Moscow Memoirs“ erschien, erklang, neben einigem Lob, sofort ein Aufschrei. Er ähnelte den Verdikten gegen Service. Doch Gerstein hatte mit ihrer Arbeit eine wichtige Korrektur des gezimmerten Bildes von Nadeschda Mandelstam geliefert, das natürlich alle jene störte und vor den Kopf stieß, denen Mandelstam und seine Witwe „heilig“ geworden waren und die meinten, durch die Aussagen von Gerstein werde das Erbe und das Bild der beiden beschmutzt. Wurde es aber nicht, sondern nur zurechtgerückt.

Der Hinweis, man solle „nicht nur rechte Ideologen in der NZZ oder FAZ“ lesen, klingt links und progressiv, ist aber eine nichtssagende Stereotype. Soweit es um Fakten geht, finden sie sich auch in diesen Quellen. Umgekehrt kenne ich viele „linke“ Quellen, deren Faktenlage prekär ist. Dennoch würde ich nie eine solche Verallgemeinerung gebrauchen. – Übrigens ist es die Presse, auch in den USA, UK oder Deutschland und Schweiz, die der Öffentlichkeit Gehalte näherbringt, die sonst, weil nur in Fachjournalen oder –werken publiziert, nicht bekannt würden. Damit wird überhaupt erst eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht. Immerhin nutzen das auch linke Autoren, oder sind Kluge, Chomsky, Enzensberger oder Habermas Rechte, weil sie in der ZEIT oder FAZ publizieren?

Es wird auch argumentiert, Service erfreue sich deshalb großer Beliebtheit, weil er den Rechten das „historische Unterfutter gegen eine Linksentwicklung in der Gesellschaft“ liefere. Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Erstens erleben wir alles andere als eine Linksentwicklung. Zweitens, wenn es stimmte, könnte dem anders als mit Publikationsverboten entgegnet werden. Aus den Dokumentationen der DDR-Literaturproduktion und –rezeption lässt sich belegen, wie üblich damals diese reinigenden Staatsmaßnahmen waren bzw. wie hurtig man präventiv vorging, um das geistige Klima zu schützen.

Die Historiker, die diese Kampagne unterzeichnet haben, befinden sich also in unguter Gesellschaft, wiewohl sie sich als Vordermänner der Korrektheit sehen. Ihre Haltung entspricht den Experten, die das Publikum für zu dumm halten, sich selbst eine Meinung zu bilden, und es durch „Machwerke“ gefährdet sehen. Sie verhalten sich wie Priester, die die Schafe ihrer Gemeinde beschützen wollen. Das kann aber nur für Schafe und Hirten gelten, nicht aber für andere.

Ich kann sehr gut verstehen, dass jemand die Biografie von Service zerreist und in Grund und Boden kritisiert. Nichts Ungewöhnliches. Wogegen ich mich wende, sind die Haltungen, die einem Gesinnungsterror nahekommen, wenn also Meinungen, Sichten nicht nur kritisiert werden, sondern nach ihrer Verhinderung oder Verfolgung gerufen wird. In einer offenen Gesellschaft müssen ALLE Vertreter, ob links oder rechts oder unpolitisch, religiös, reaktionär oder konservativ oder esoterisch oder sonst was ohne Verbotsandrohung zu Wort kommen dürfen. Sonst haben wir Zustände wie in der damaligen DDR oder anderen Diktaturen. Und das wollen doch unsere tapferen Historiker sicher nicht.

Noch ein Wort zum Antisemitismusvorwurf: Es ist leider modisch geworden, allzurasch mit diesem Urteil etwas so zu kritisieren, dass es aus dem öffentlichen Diskurs (fast) eliminiert wird. Ich sah eine ähnliche Vorgehensweise in den Debatten um die Geldtheorie, wo sogar Kritik am Kapitalismus und Zinssystem als antisemitisch denunziert wurde (z. B. Hermann Lührs vs. Bernd Senf). Ähnliche Vorgangsweisen waren in Debatten um Heinrich Heine oder Paul Celan festzustellen. Immer öfter scheint Antisemitismus alle anderen Argumente zu ersetzen. Nun, dort wo Antisemitismus festzustellen ist, soll er, wie jede Vorurteilshaltung, kritisiert werden. Aber die stereotype, inflationäre Nutzung dieser Kategorie, vor allem in Konstruktionen eines Subtextes, entwertet die Vorurteilskritik und öffnet einer Hexenjagd Tür und Tor. Hier sind, wie in der Tagespolitik, Keulenschwinger am Werk, die keine Debatte wollen, sondern öffentliche Brandmarkung aufgrund von Etiketten, die sie freigiebig verteilen.

Charles Cohen

Donnerstag, 8. März 2012

Frauentag 2012

Trotz vieler Bemühungen und chicer Dauerpropaganda besteht auch in den westichen, fortgeschrittenen, demokratischen Staaten nach wie vor eine eklatante Ungliechheit der Frauen geggenüber Männern, vor allem was Berufsmöglichkeiten und Gehalt betrifft. Was nützen "gleiche Rechte", wenn in der Praxis völlig ungleich gehandelt, "behandelt" wird? Lug & Trug!

Die Frauentage dienen vielen als Substitut. Aber wann folgen den schönen oder zornigen Worten Taten? Solange die Mehrheit der Frauen sich mit Worten abspeisen lässt, wird sich nichts Wesentliches ändern, auch bei uns nicht.

Ein älterer Text aus dem Jahre 1898 sei in Erinnerung gerufen:


Clara Zetkin

Für die Befreiung der Frau!

Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongreß zu Paris (19. Juli 1889)

Protokoll des Internationalen Arbeiter-Congresses zu Paris. Abgehalten vom 14. bis 20. Juli 1889.
Bürgerin Zetkin, Abgeordnete der Arbeiterinnen von Berlin, ergreift unter lebhaftem Beifall das Wort über die Frage der Frauenarbeit. Sie erklärt, sie wolle keinen Bericht erstatten über die Lage der Arbeiterinnen, da diese die gleiche ist wie die der männlichen Arbeiter. Aber im Einverständnis mit ihren Auftraggeberinnen werde sie die Frage der Frauenarbeit vom prinzipiellen Standpunkt beleuchten. Da über diese Frage keine Klarheit herrsche, sei es durchaus notwendig, daß ein internationaler Arbeiterkongreß sich klipp und klar über diesen Gegenstand ausspreche, indem er die Prinzipienfrage behandelt. Es ist -- führt die Rednerin aus -- nicht zu verwundern, daß die reaktionären Elemente eine reaktionäre Auffassung haben über die Frauenarbeit. Im höchsten Grade überraschend aber ist es, daß man auch im sozialistischen Lager einer irrtümlichen Auffassung begegnet, indem man die Abschaffung der Frauenarbeit verlangt. Die Frage der Frauenemanzipation, das heißt in letzter Instanz die Frage der Frauenarbeit, ist eine wirtschaftliche, und mit Recht erwartet man bei den Sozialisten ein höheres Verständnis für wirtschaftliche Fragen als das, welches sich in der eben angeführten Forderung kundgibt.
Die Sozialisten müssen wissen, daß bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung die Frauenarbeit eine Notwendigkeit ist; daß die natürliche Tendenz der Frauenarbeit entweder darauf hinausgeht, daß die Arbeitszeit, welche jedes Individuum der Gesellschaft widmen muß, vermindert wird oder daß die Reichtümer der Gesellschaft wachsen; daß es nicht die Frauenarbeit an sich ist, welche durch Konkurrenz mit den männlichen Arbeitskräften die Löhne herabdrückt, sondern die Ausbeutung der Frauenarbeit durch den Kapitalisten, der sich dieselbe aneignet.
Die Sozialisten müssen vor allem wissen, daß auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit beruht. Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, so- lange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Die Unerläßliche Bedingung für diese ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit. Will man die Frauen zu freien menschlichen Wesen, zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft machen wie die Männer, nun, so braucht man die Frauenarbeit weder abzuschaffen noch zu beschränken, außer in gewissen, ganz vereinzelten Ausnahmefällen. Die Arbeiterinnen, welche nach sozialer Gleichheit streben, erwarten für ihre Emanzipation nichts von der Frauenbewegung der Bourgeoisie, welche angeblich für die Frauenrechte kämpft. Dieses Gebäude ist auf Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage. Die Arbeiterinnen sind durchaus davon überzeugt, daß die Frage der Frauenemanzipation keine isoliert für sich bestehende ist, sondern ein Teil der großen sozialen Frage. Sie gehen sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, daß diese Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelost werden wird, sondern erst nach einer gründlichen Umgestaltung der Gesellschaft. Die Frauenemanzipationsfrage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren. Emanzipation der Frau heißt die vollständige Veränderung ihrer sozialen Stellung von Grund aus, eine Revolution ihrer Rolle im Wirtschaftsleben. Die alte Form der Produktion mit ihren unvollkommenen Arbeitsmitteln fesselte die Frau an die Familie und beschränkte ihren Wirkungskreis auf das Innere ihres Hauses. Im Schoß der Familie stellte die Frau eine außerordentlich produktive Arbeitskraft dar. Sie erzeugte fast alle Gebrauchsgegenstände der Familie. Beim Stande der Produktion und des Handels von ehedem wäre es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, diese Artikel außerhalb der Familie zu produzieren. Solange diese älteren Produktionsverhältnisse in Kraft waren, solange war die Frau wirtschaftlich produktiv ...
Die maschinelle Produktion hat die wirtschaftliche Tätigkeit der Frau in der Familie getötet. Die Großindustrie erzeugt alle Artikel billiger, schneller und massenhafter, als dies bei der Einzelindustrie möglich war, die nur mit den unvollkommenen Werkzeugen einer Zwergproduktion arbeitete. Die Frau mußte oft den Rohstoff, den sie im ldeinen einkaufte, teurer bezahlen als das fertige Produkt der maschinellen Großindustrie. Sie mußte außer dem Kaufpreis (des Rohstoffes) noch ihre Zeit und ihre Arbeit dreingeben. Infolgedessen wurde die produktive Tätigkeit innerhalb der Familie ein ökonomischer Unsinn, eine Vergeudung an Kraft und Zeit. Obgleich ja einzelnen Individuen die im Schoß der Familie produzierende Frau von Nutzen sein mag, bedeutet diese Art der Tätigkeit nichtsdestoweniger für die Gesellschaft einen Verlust. Das ist der Grund, warum die gute Wirtschafterin aus der guten alten Zeit fast gänzlich verschwunden ist. Die Großindustrie hat die Warenerzeugung im Hause und für die Familie unnütz gemacht, sie hat der häuslichen Tätigkeit der Frau den Boden entzogen. Zugleich hat sie eben auch den Boden für die Tätigkeit der Frau in der Gesellschaft geschaffen. Die mechanische Produktion, welche der Muskelkraft und qualifizierten Arbeit entraten kann, machte es möglich, auf einem großen Arbeitsgebiete Frauen einzustellen. Die Frau trat in die Industrie ein mit dem Wunsche, die Einkünfte in der Familie zu vermehren. Die Frauenarbeit in der Industrie wurde mit der Entwicklung der modernen Industrie eine Notwendigkeit. Und mit jeder Verbesserung der Neuzeit ward Männerarbeit auf diese Weise überflüssig, Tausende von Arbeitern wurden aufs Pflaster geworfen, eine Reservearmee der Armen wurde geschaffen, und die Löhne sanken fortwährend immer tiefer.
Ehemals hatte der Verdienst des Mannes unter gleichzeitiger produktiver Tätigkeit der Frau im Hause ausgereicht, um die Existenz der Familie zu sichern; jetzt reicht er kaum hin, um den unverheirateten Arbeiter durchzubringen. Der verheiratete Arbeiter muß notwendigerweise mit auf die bezahlte Arbeit der Frau rechnen.
Durch diese Tatsache wurde die Frau von der ökonomischen Abhängigkeit vorn Manne befreit. Die in der Industrie tätige Frau, die unmöglicherweise ausschließlich in der Familie sein kann als ein bloßes wirtschaftliches Anhängsel des Mannes -- sie lernte als ökonomische Kraft, die vom Manne unabhängig ist, sich selbst genügen. Wenn aber die Frau wirtschaftlich nicht mehr vom Manne abhängt, so gibt es keinen vernünftigen Grund für ihre soziale Abhängigkeit von ihm. Gleichwohl kommt diese wirtschaftliche Unabhängigkeit allerdings im Augenblick nicht der Frau selbst zugute, sondern dem Kapitalisten. Kraft seines Monopols der Produktionsmittel bemächtigte sich der Kapitalist des neuen ökonomischen Faktors und ließ ihn zu seinem ausschließlichen Vorteil in Tätigkeit treten. Die von ihrer ökonomischen Abhängigkeit dem Manne gegenüber befreite Frau ward der ökonomischen Herrschaft des Kapitalisten unterworfen; aus einer Sklavin des Mannes ward sie die des Arbeitgebers: Sie hatte nur den Herrn gewechselt. Immerhin gewann sie bei diesem Wechsel; sie ist nicht länger mehr dem Mann gegenüber wirtschaftlich minderwertig und ihm untergeordnet, sondern seinesgleichen. Der Kapitalist aber begnügt sich nicht damit, die Frau selbst auszubeuten, er macht sich dieselbe außerdem noch dadurch nutzbar, daß er die männlichen Arbeiter mit ihrer Hilfe noch gründlicher ausbeutet. Die Frauenarbeit war von vornherein billiger als die männliche Arbeit. Der Lohn des Mannes war ursprünglich darauf berechnet, den Unterhalt einer ganzen Familie zu decken; der Lohn der Frau stellte von Anfang an nur die Kosten für den Unterhalt einer einzigen Person dar, und selbst diese nur zum Teil, weil man darauf rechnete, daß die Frau auch zu Hause weiterarbeitet außer ihrer Arbeit in der Fabrik. Ferner entsprachen die von der Frau im Hause mit primitiven Arbeitsinstrumenten hergestellten Produkte, verglichen mit den Produkten der Großindustrie, nur einem kleinen Quantum mittlerer gesellschaftlicher Arbeit. Man ward also darauf geführt, eine geringere Arbeitsfähigkeit bei der Frau zu folgern, und diese Erwägung ließ der Frau eine geringere Bezahlung zuteil werden für ihre Arbeitskraft. Zu diesen Gründen für billige Bezahlung kam noch der Umstand, daß im ganzen die Frau weniger Bedürfnisse hat als der Mann.
Was aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders wertvoll machte, das war nicht nur der geringe Preis, sondern auch die größere Unterwürfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulierte auf diese beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht wie möglich zu entlohnen und den Lohn der Männer durch diese Konkurrenz so stark wie möglich herabzudrücken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit zunutze, um die Löhne der Frauen herabzudrücken; und die Arbeit der Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft überhaupt herabzudrücken. Das kapitalistische System allein ist die Ursache, daß die Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; daß sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages führt, anstatt eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; daß sie nicht gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichtümer der Gesellschaft, das heißt mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer größeren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit, die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem kapitalistischen Produktionssystem verschwinden.
Der Kapitalist muß, um der Konkurrenz nicht zu unterliegen, sich bemühen, die Differenz zwischen Einkaufs-(Herstellungs-)preis und Verkaufspreis seiner Waren so groß wie möglich zu machen; et sucht also so billig wie möglich zu produzieren und so teuer wie möglich zu verkaufen. Der Kapitalist hat folglich alles Interesse daran, den Arbeitstag ins Endlose zu verlängern und die Arbeiter mit so lächerlich geringfügigem Lohn abzuspeisen wie nur irgend möglich. Dieses Bestreben steht in geradem Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterinnen, ebenso wie zu denen der männlichen Arbeiter. Es gibt also einen wirklichen Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeitet und der Arbeiterinnen nicht; sehr wohl aber existiert ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen den Interessen des Kapitals und denen der Arbeit. Wirtschaftliche Gründe sprechen dagegen, das Verbot der Frauenarbeit zu fordern.
Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage ist so, daß weder der Kapitalist noch der Mann auf die Frauenarbeit verzichten können. Der Kapitalist muß sie aufrechterhalten, um konkurrenzfähig zu bleiben, und der Mann muß auf sie rechnen, wenn er eine Familie gründen will. Wollten wir selbst den Fall setzen, daß die Frauenarbeit auf gesetzgeberischem Wege beseitigt werde, so würden dadurch die Löhne der Männer nicht verbessert werden. Der Kapitalist würde den Ausfall an billigen weiblichen Arbeitskräften sehr bald durch Verwendung vervollkommneter Maschinen in umfangreicherem Maße decken -- und in kurzer Zeit würde alles wieder sein wie vorher. Nach großen Arbeitseinstellungen, deren Ausgang für die Arbeitet günstig war, hat man gesehen, daß die Kapitalisten mit Hilfe vervollkommneter Maschinen die errungenen Erfolge der Arbeiter zunichte gemacht haben. Wenn man Verbot oder Beschränkung der Frauenarbeit auf Grund der aus ihr erwachsenden Konkurrenz fordert, dann ist es ebenso logisch begründet, Abschaffung der Maschinen und Wiederherstellung des mittelalterlichen Zunftrechts zu fordern, welches die Zahl der in jedem Gewerbebetriebe zu beschäftigenden Arbeiter festsetzte. Allein, abgesehen von den ökonomischen Gründen sind es vor allem prinzipielle Gründe, welche gegen ein Verbot der Frauenarbeit sprechen. Eben auf Grund der prinzipiellen Seite der Frage müssen die Frauen darauf bedacht sein, mit aller Kraft zu protestieren gegen jeden derartigen Versuch; sie müssen ihm den lebhaftesten und zugleich berechtigtsten Widerstand entgegensetzen, weil sie wissen, daß ihre soziale und politische Gleichstellung mit den Männern einzig und allein von ihrer ökonomischen Selbständigkeit abhängt, welche ihnen ihre Arbeit außerhalb der Familie in der Gesellschaft ermöglicht. Vom Standpunkt des Prinzips aus protestieren wir Frauen nachdrücklichst gegen eine Beschränkung der Frauenarbeit. Da wir unsere Sache durchaus nicht von der Arbeitersache im allgemeinen trennen wollen, werden wir also keine besonderen Forderungen formulieren; wir verlangen keinen anderen Schutz als den, welchen die Arbeit im allgemeinen gegen das Kapital fordert. Nur eine einzige Ausnahme lassen wir zugunsten schwangerer Frauen zu, deren Zustand besondere Schutzmaßregeln im Interesse der Frau selbst und der Nachkommenschaft erheischt. Wir erkennen gar keine besondere Frauenfrage an -- wir erkennen keine besondere Arbeiterinnenfrage an! Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem männlichen gleichen Unterricht -- obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur natürlich und gerecht ist -- noch von der Gewährung politischer Rechte. Die Länder, in denen das angeblich allgemeine, freie und direkte Wahlrecht existiert, zeigen uns, wie gering der wirkliche Wert desselben ist. Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat. Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeitet in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.
In Erwägung dieser Tatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche ihrer Befreiung ernst ist, nichts anderes übrig, als sich der sozialistischen Arbeiterpartei anzuschließen, der einzigen, welche die Emanzipation der Arbeiter anstrebt. Ohne Beihilfe der Männer, ja, oft sogar gegen den Willen der Männer, sind die Frauen unter das sozialistische Banner getreten; man muß sogar zugestehen, daß sie in gewissen Fallen selbst gegen ihre eigene Absicht unwiderstehlich dahin getrieben worden sind, einfach durch eine klare Erfassung der ökonomischen Lage. Aber sie stehen nun unter diesem Banner, und sie werden unter ihm bleiben! Sie werden unter ihm kämpfen für ihre Emanzipation, für ihre Anerkennung als gleichberechtigte Menschen. Indern sie Hand in Hand gehen mit der sozialistischen Arbeiterpartei, sind sie bereit, an allen Mühen und Opfern des Kampfes teilzunehmen, aber sie sind auch fest entschlossen, mit gutem Fug und Recht nach dem Siege alle ihnen zukommenden Rechte zu fordern. In bezug auf Opfer und Pflichten sowohl wie auf Rechte wollen sie nicht mehr und nicht weniger sein als Waffengenossen, die unter gleichen Bedingungen in die Reihen der Kämpfer aufgenommen worden sind. (Lebhafter Beifall, der sich wiederholt, nachdem Bürgerin Aveling diese Auseinandersetzung ins Englische und Französische übersetzt hat.)

Mittwoch, 7. März 2012

Zum Tag der Lyrik


Roser Amills Bibiloni – Gedichte aus »Morbo« (Krankhaftes)
Übersetzung aus dem Katalanischen: Klaus Ebner

Soroll i paraules 

Gràcies per jugar al soroll, abans,
de voler explicar-ho tot sense embuts.

Podríem ser tan feliços
si ara mateix et sabés dir tot just
una paraula a cau d'orella rera l'altra,
a poc a poc com baixen les velles de l'autobús, una paraula humida, sorrenca, entusiasta
que estrenyés l'eco fins a morir
entre la meva boca i la teva orella
com un petit orgasme paraula.

Però no m'entens, no encara,
i cal escriure més de sexe,
de les formes de mutació,
exhibició i transgressió dels límits
que permetin elaborar
una variant pròpia d'un mateix,
una que no panteixi ressagada
o per a que senzillament sembli que no són
sempre els mateixos
el que estan parlant del mateix.

Té a veure amb la possibilitat
d'assumir el problema
la diferència
el problema
la nostra època.

Follar no és difícil, ara,
el que és complicat és explicar-ho
sense caure en una taca de mel
o en una piscina sense aigua,
cal parlar de tot això amb naturalitat
amb la teva mare, amb la veïna,
amb un fill adolescent
o un vell desconegut que no parla,
cal vèncer els tabús de la paraula que tremola
i, en el seu desequilibri,
enxampar el ritme de cop,
trobar un acord estètic i morrejar-lo
al terra de l'habitació
mentre m'encules amb tota l'ànima
cal ser una interlocutora còmoda
quan l'altre no vol dir què li passa,
jugar a tots els jocs de tot o res,
menjar-te i tòrcer i abandonar el diccionari
cada matinada de gats suaus en l'aire,
cada hora de perfum fresc, d'asfalt,
cada harmonia dintre de cada cotxe
del pell funambulita i trempada
i per sobre de tot

cal no perdre de vista el morbo
de provar de dir d'allò que no comprenem
la milionèsima diferencial que és
per a cada un de nosaltres.


Lärm und Worte

Vorerst dank ich dir für deine Worte,
den Wunsch, das alles unumwunden auszusprechen.

Wir wären so glücklich,
wenn ich dir in diesem Augenblick ein Wort
nach dem andern ins Ohr sagen könnte, so
nach und nach, wie alte Frauen dem Bus entsteigen,
ein feuchtes, sandiges, enthusiastisches Wort,
welches das Echo bis zum Verenden erdrückt,
zwischen meinem Mund und deinem Ohr,
wie ein kleiner Wortorgasmus.

Aber du verstehst mich nicht, noch nicht,
und ich muss über Sex schreiben,
über die verschiedenen Arten der Verwandlung,
des Sich-Öffnens, der Grenzverschiebungen,
die es ermöglichen,
ein eigenes Bild von einem selbst  zu zeigen,
eines, das nicht vor Verzopftheit stöhnt
oder zumindest nicht den Eindruck erweckt, es seien
stets dieselben,
die über dasselbe reden.

Das hat mit der Möglichkeit zu tun,
das Problem anzunehmen,
den Unterschied,
das Problem,
die Eigenart unserer Zeit.

Ficken ist nicht schwierig heutzutage,
kompliziert jedoch, es zu erklären,
ohne in einen Klecks Honig zu fallen
oder in ein Schwimmbecken ohne Wasser,
man muss darüber in aller Natürlichkeit reden,
mit der Mutter, der Nachbarin,
mit seinem halbwüchsigen Kind
oder einem unbekannten Alten, der nicht spricht,
man muss die Tabus des Wortes besiegen, das
in seinem Ungleichgewicht zittert,
den Rhythmus in flagranti ertappen,
ein ästhetisches Einvernehmen finden und auf dem
Zimmerboden abknutschen,
während du mich beherzt von hinten nimmst,
das muss schon eine bequeme Gesprächspartnerin sein,
wenn der andere verschweigt, was mit ihr passiert,
alle Spiele um alles oder nichts spielen,
dich vernaschen, auspressen, aufs Wörterbuch pfeifen,
jeden Morgen mit diesem gewissen Etwas in der Luft,
jede Stunde mit dem frischem Parfum, von Asphalt,
bei jeder harmonischen Stimmung in jedem Auto
mit wagemutiger, kerngesunder Haut
und überhaupt wegen allem

sollten wir nicht das Krankhafte aus den Augen verlieren,
das zu sagen, was wir nicht verstehen,
den millionsten Unterschied, der
für jeden von uns gilt.



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Martin Dragosits



KONSEQUENZ


Ich spüre nur zu gut
dass sie mich gerne denunzierten
und sogar mal brennen ließen
weil mein Wort
in freier Form
den Bogen überspannt

der zwischen Sonntagszeitung
Bier und einem Lied
im Wirtshaus
gemeingewöhnlich
dargeboten werden darf

Ich übertreibe
bin verdächtig
ganz allein
durch Gegenwart

ich lebe liebe schreibe
weil mein Gewissen
es verlangt



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Nora Dubach


                                       Nackt
In den Medien
erhält man
an- gezogen
mehr Beachtung
als aus-gezogen
ausdruckslose nackte
Schaufensterpuppen
schockieren ebenso wenig
wie das etablierte
Nacktsein
ausgespuckt aus
Schönheitskliniken  

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Stephan Eibel Erzberg


ruf der straße

Stephan

Wisch ab mir die speibe
besorg mir a bleibe
und nimm weg mei gicht
das wär a gschicht
und ein sozialgedicht

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Maria Hammerich-Maier

Zum All

An den Wegrändern
balanciere ich
tänzelnd

Dort, wo das Erdreich
den Horizont schließt
mit dem Teer

Die Toten
rollen mir Erdklümpchen
unter die Sohlen

Und die Lebenden
Teppichläufer
aus rostigem Nadelhaar

Dort, wo verlorene Hunde
scheu schielen
aus heimatsüchtigen Augen

Zu mir, wie ich balanciere
über den Schründen
von Leben und Tod

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Marián Hatala

ein schrecklicher herbst anfang juni

manchmal nur so
gehe ich vor die tür meiner wohnung
und läute bei mir selbst

und manchmal wieder
mache ich nicht einmal mir selbst auf
mache nicht auf

ich sage mir
- ich bitte dich
  wem wolltest du schon aufmachen?

oder aber
- wer sollte denn um diese zeit schon
   läuten?

und ich kehre
zurück an die schreibmaschine
mir selbst entgegen
während durch das fenster
bis zum ertauben
der abend kühl
schwarzes laub
meine verblühten morgigen tage
direkt in meine seele weht
bis mir bang wird
bis mir die kehle

zuschnürt


strašná jeseň na začiatku júna

niekedy len tak
vyjdem pred dvere svojho bytu
a zazvoním sám sebe

a niekedy zas
ani len sám sebe
neotvorím

vravím si
- prosím ťa komu by si už len
  otváral?

alebo
- kto by o tomto čase
  zvonil?

a vraciam sa späť
k písaciemu stroju
sám sebe v ústrety

zatiaľ čo za oknom
do ohluchnutia padajú
studené čierne listy
moje odkvitnuté zajtrajšie dni
mi padajú rovno do duše
až je úzko
až je okolo hrdla najužšie

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Franz Hofer

Franz Hofer


Angst, vertraute Unbekannte
blickst mich tiefer
aus deinen blauen Augen.
Unschuldiges Kinderglotzen.
Dein Vorwurf säugt den Raum,
als hätte ich vergessen,
daß ich dich zum Essen geladen.
Würgen in der Kehle,
Erstaunen zwischen zwei Zeilen
im Auflösen eines Wortes
und kein Schrei,
der Tag in zwei Hälften
einer Flucht teilt.


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 Barbara Holpfer

o. T.


hör doch!
                        rauschen (lass mich ...)
                        plätschern (hab mich ...)

                                                                                    schlechte voraussetzungen!

wer ist ertrunken
wann
wo und
wie oft
                                    gestreichelt (planken)
                                    auch gestreichelt, ja
                                    getragen, ja
                                    umfassend gewesen, ja

                                                                                    geahnt (ersticken)
                                                                                    aber nicht getan, nicht?

schlechte voraussetzungen
sag ich
du bist: so schön, so groß, so stark
und ich ( ... rinnsal ... )
mir kommen die


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Kätlin Kaldmaa

pause


10 sekunden um tief luft zu holen
1 minute um einen anblick zu genießen
2 minuten um ein tässchen tee zu kochen
10 minuten um den kopf klar zu kriegen
20 minuten um die mutter anzurufen
eine halbe stunde um sport zu machen
einige stunden um ein gutes buch zu lesen
einen tag um sich gut zu fühlen
ein wochenende um in die sterne zu gucken
zwei wochen um kraft zu tanken
einen monat um neues zu lernen
einen sommer um wieder kind zu sein
ein jahr um die welt zu entdecken
ein leben um zu begreifen was es bedeutet
oder nur 5 minuten um gar nichts zu tun



Paus

10 sekundit, et sügavalt sisse hingata.
1 minut, et vaadet nautida.
2 minutit, et tassike teed teha.
10 minutit, et pea selgeks saada.
20 minutit, et emale helistada
Pool tundi, et võimelda.
Paar tundi, et hea raamat läbi lugeda.
Päev, et end mõnusalt tunda.
Nädalavahetus, et tähti vaadata.
Kaks nädalat, et jõudu koguda.
Kuu aega, et midagi uut õppida.
Suvi, et jälle laps olla.
Aasta, et maailma avastada.
Eluaeg, et aru saada, mida see kõik tähendab.
Või ainult 5 minutit, et mitte midagi teha.

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Rudolf Kraus

traurig


immer öfter
muss ich weinen

über schicksale fremder menschen
die mir nahegehen

über plötzlich
hereinbrechende melancholie

unvermutet
schießen tränen in die augen

und traurig
bin ich sowieso


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Nina Lechner

                        Blau


Du sagtest zu mir
Der Tag wird heute blau!

dabei war es nur
die blaue Jalousie vor unserem Fenster
und du hattest bloß
deine Brille nicht auf

Ich drehte mich zur Wand
als wollte ich in ihr verschwinden
bevor deine Arme mich umfingen
In dieser Dunkelheit

Daheim
bin ich nur in mir selbst


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Joanna Lisiak

Beim Chinesen

Nach der fetten Peking-Ente
ein Rosenlikör und nicht nur
du und die Worte selbst
mein Rülpser so blumig.



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Ingmar Heytze


SCHRIJFOPDRACHT

Iemand wilde dat ik zou praten met het kind
in mezelf. Ik moest ergens gaan zitten schrijven.
Na een tijdje zou het kind naast me komen staan
en vragen wat ik deed. Dan zou het gesprek
beginnen. Het kind dat kwam was tien jaar oud,
ernstig en bleek, doorschijnend bijna. Het hijgde,
hoestte bloed in een zakdoek, fluisterde: "vertel
me dan" en het gesprek begon.


Uit Nynade no.5´augustus 2008

 
Ingmar Heytze


SCHREIBAUFTRAG

Jemand wollte, dass ich reden würde mit dem Kind
in mir selbst. Ich sollte irgendwo sitzen zu schreiben.
Nach einiger Zeit würde das Kind neben mir zu stehen kommen
und fragen, was ich tu. Dann würde das Gespräch
beginnen. Das Kind, das kam, war zehn Jahre alt,
ernst und bleich, fast durchscheinend. Es seufzte,
hustete Blut in ein Taschentuch, flüsterte: "erzähl
mir dann" und das Gespräch begann.


Aus: NYNADE Nr.  5/August 2008
Übersetzt von Ruud van Weerdenburg


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Cristina Pérez García - Gedichte
Übersetzung: Klaus Ebner
 
(1)

Ich bin eine Person, mir
gleichend. Ich trage eine Uhr, wenn ich will,
doch ich bevorzuge den Sex.
Mir gefällt die Unendlichkeit (sogar
zeichnen könnte ich sie), aber ich lebe
unter Personen und sehe zu,
wie meine endlosen
Tage und Finger sie, wenn sie es wollen,
füllen.
Und den Geliebten, den ich suche,
werde ich eines Tages finden;
denn Menschen sind wir und leben im
selben Körper; oder anders:,
auf diese Weise sage ich ihm, dass
wir bald zueinanderfinden.


Jo sóc una persona, igual
a mi. Duc rellotge, si vull,
però prefereixo el sexe.
M'agrada l'Infinit (fins
el dibuixo i tot) però visc
entre persones i les miro
d'omplir, si volen, dels
meus dies i els meus dits
inacabables.
I, quant a l'amant que busco,
ja ens trobarem un dia;
som humans i vivim dintre del
mateix cos, com qui diu,
així que li dic allò de
fins a nosaltres.


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Karheinz Pichler


spaziergang

der hof
des vollmonds
eine schüchterne blässe

die fledermäuse
die deinen gang
entlang des waldsaums
kreuzen
winden über deinem kopf
unsichtbare kränze

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Horst Samson

AUS DER ALTEN WELT

            für Kurt Drawert

Die dünne Haut der Blätter, Gespräche
Mit mir - über das große Wasser,
Die Fotographie, New York. Der Herbst

Ertrinkt in seinen Farben. In den Kneipen
Verweht der Atem. Am Ende
Des Tages versinkt die Seele, die Zeit - im Glas

Rotwein treibt die Liebe und das Blut
Durchs Universum. Die Einsamen
Verschlafen den Flieder, ihre Kinder

Und die Sprache. Mein Kopf spielt
Cello, die Tage sind Noten
Und gezählt, stehen Spalier für den Tod.


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